You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Wenn man die analytische Literatur hinsichtlich der Art von Patienten untersucht, so ist man überrascht, wie sich im Laufe der Jahre das Interesse kontinuierlich verschoben hat. Breuer und Freud (1893-95) studierten hysterische Phänomene, dann schrieb Freud seine klassischen Arbeiten über die zwangsneurotische Symptomatologie. Seine unmittelbaren Nachfolger richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Charakterstruktur ihrer Patienten. In den letzten zwanzig Jahren ungefähr findet eine neue Entwicklung statt. Bei Diskussionen über besonders schwierige Patienten machen Kollegen häufig die Bemerkung, daß sich deren Problematik von den Charakterneurosen unterscheide, und zwar im Sinne einer bedenklicheren Diagnose.
Ich will hier nicht darüber diskutieren, ob wir es mit einer allgemeinen Verschiebung in der Symptomatologie zu tun haben, oder ob die Analytiker im Zuge der „erweiterten Anwendung der Analyse“ (Arden House Meeting 1954)1 Patienten mit andersartigen Störungen behandeln. Immerhin bedeutet die Diagnose „Grenzfall“ (borderline) eine Warnung — und zwar hinsichtlich der Prognose wie hinsichtlich der Therapie. Wir stehen damit vor solchen Fragen wie: „Wie viele Belastungen kann dieser Mensch in seinem Leben aushalten, ohne in einen manifesten psychotischen Zustand zu geraten?“ und vor dem damit zusammenhängenden Problem: „Wieviel Nutzen kann ein solcher Patient von einer analytischen Behandlung haben?“ Über die Beantwortung dieser Fragen sind sich die Analytiker nicht einig; das bedeutet, daß noch sehr viele weitere Untersuchungen über solche Fälle notwendig sind.
Auch Kinderanalytiker haben die Beobachtung gemacht, daß viele ihrer Patienten „Grenzfälle“ sind. Das Studium solcher Kinder könnte zur Klärung mancher Probleme bei erwachsenen Borderline-Fällen beitragen. Eine Literaturübersicht der letzten 12 Jahre über Borderline-Fälle bei Kindern und Jugendlichen zeigt deutlich, daß die Gefahr einer Psychose nicht ausgeschaltet werden kann. In diesem Zusammenhang will ich ein