You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Vor mehr als 20 Jahren hat René Spitz mit klinischen Beobachtungen auf schwere Entwicklungsstörungen von Kleinkindern hingewiesen, die aus sozialen Gründen oder krankheitsbedingt langfristig in Heimen oder Krankenhäusern untergebracht worden waren. Er hat die vorliegenden psychotoxischen Störungen bzw. psychosomatischen Epidemien auf seelische Fehlentwicklungen in frühester Kindheit, in den entscheidenden Phasen des Aufbaues der ersten Objektbeziehungen zwischen Mutter und Kind zurückgeführt.
Diesen psychoanalytisch fundierten Beobachtungen gingen klinische Berichte von Kinderärzten voraus, welche das Hospitalismussyndrom als „kachektisierenden Pflegeschaden“ schon vor 50 Jahren in klassischer Form beschrieben haben. So schilderte von Pfaundler (1917):
„… tritt man an das Bett heran, so wenden sich die Augen wohl noch dem Beschauer zu, doch weder mit dem latenten Lächeln des gesunden, noch mit der ängstlichen oder schmerzhaft gespannten Miene des kranken Kindes, sondern mit einem indifferenten, resignierten, wie in Ernst und Trauer erstarrten Blick. Rumpf und Glieder liegen ziemlich regungslos auf der Unterlage. Auch wenn man das Kind aufdeckt oder entkleidet, gewahrt man keine lebhaften und kraftvollen Bewegungen der Glieder, sondern träge und unsichere.
Man steht einem körperlichen Verfall gegenüber, der sich in außergewöhnlicher und stabiler Blässe, Schlaffheit und Welkheit der Haut und des Unterhautfettgewebes, in Elastizitätsverlust bei scheinbar oft vermehrtem Muskeltonus ausdrückt. Dieser Verfall ist nicht etwa als Zeichen eines chronischen dyspeptischen Zustandes, eines Milch- oder Mehlnährschadens oder einer Organaffektion bestimmter Art anzusehen. Man erkennt ihn oft, bevor die Gewichtskurve ihn anzeigt.
Von diesem Stadium an macht sich die schwerste Form des Hospitalismus bemerkbar, nämlich die völlige Widerstandslosigkeit gegen infektiöse Schäden. Das Kind erkrankt dann an irgendwelchen enteralen oder parenteralen Infekten und deren Mischformen wie Enteritid