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Seit seinem ersten Erscheinen 1918 am Ende des ersten Weltkrieges hat der „sensitive Beziehungswahn“ Geschichte gemacht und dies vor allem, weil Kretschmers Krankenanalysen in den Kreisen der Schulpsychiatrie dazu beitrugen, die starre
Schematik des Kraepelinschen Krankheitsmodelles zugunsten „affektdynamischer Aspekte“ aufzulockern. Diese Leistung des Verfassers wurde gerade auch von psychoanalytischer Seite hervorgehoben, schreibt doch P. C. Kuiper, es sei eines der „großen Verdienste“ Kretschmers, „auf die Tatsache hingewiesen zu haben, daß „manche Wahnformen … als Reaktionsweise einer ganz bestimmten Persönlichkeit auf eine bestimmte Lebenssituation zu betrachten“ sind („Verständliche Zusammenhänge bei der Entwicklung des sensitiven Charakters“, Archiv Psychiatr. 196, 590, ). Aus diesem Grunde nimmt das Werk einen bleibenden Platz in der deutschen, ja kontinentaleuropäischen Psychiatrie ein. Aber es gibt vor allem zwei Gründe, die Kretschmers Schrift auch gegenwärtig Aktualität verschaffen:
Die Meisterschaft in der Schilderung der Krankengeschichten. Sie bedeutet ja nicht nur einen ästhetischen Reiz, vielmehr bringen Prägnanz und Plastik der Darstellung beim interessierten Leser die Fähigkeit zu ähnlichen Beobachtungen und zum Wiedererkennen der aufgezeigten Bezüge auf den Weg.
Das entschiedene Eintreten für die Einsicht, daß über ein Verständnis „von innen“ (S. IV) unter Umständen psychotherapeutische Auflösungen der Wahngebilde möglich werden.
Was von Kretschmers Konzeptionen nicht bleiben wird, bzw. als überholt anzusehen ist, sind die theoretischen Ausführungen über Triebstrukturen und endogene Bereitschaften. Hier werden „hirnphysiologische Verankerungen“ (s. z. B. S. 183) und konstitutionelle Charakterinvarianten herangezogen, deren psycho-soziale Epigenese heute nicht mehr bestritten werden kann. Es ist einfach unzureichend, wenn wir „Retentionsfähigkeit“ (S. 21), „Empfindlichkeit-Unempfindlichkeit, Halten-Loslassen“ (S. 223), „Mangel an psychischer Kraft“