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Es gibt zwei Typen von Lehrbüchern. Die einen vermitteln Examenswissen, möglichst vollständig und unbelastet von den offenen Problemen ihres Fachgebietes. Die anderen versuchen eine Gesamtschau des jeweiligen Standes der Forschung, der Systematik, der präventiven und therapeutischen Möglichkeiten einer medizinischen Disziplin zu geben. Sie handeln bewährte Methoden und Modelle ebenso wie zukunftsweisende Hypothesen und mit ihnen die Fülle der Ungereimtheiten und der ungelösten Fragen ab. Der erste Typus ist ohne Bedeutung für die Geschichte einer Wissenschaft, wenn er auch das Denken des durchschnittlichen Praktikers weithin prägen mag. Der zweite Typus aber — als Beispiel ließe sich das von Auflage zu Auflage den Fortschritt seines Forschens und Denkens widerspiegelnde Lehrbuch Kraepelins und der Handbuchband „Dementia praecox oder die Gruppe der Schizophrenien“ von Eugen Bleuler nennen — macht Wissenschaftsgeschichte. Ein solcher „Meilenstein auf dem Wege der Psychiatrie“ scheint uns Redlichs und Freedmans Buch „Theory and Practice of Psychiatry“ zu sein.
Der theoretische Ansatz weicht von dem Schema ab, das wir aus den deutschsprachigen Lehrbüchern der Psychiatrie unserer Tage gewohnt sind. Nicht Symptomgruppen oder Krankheitseinheiten sind das Fundament der Systematik, das die Einordnung aller Phänomene und ihre Interpretation trägt. Die Scheuklappen einer Lehrtradition, die nur für real hält, was die Lehre aussagt, die Symptome sammelt, Ungeklärtes für geklärt hält und ihre Zuständigkeit abgrenzt, weil die Lehrer es ebenso getan haben, werden rückhaltlos aufgegeben. Die Verfasser wählen einen im besten Sinne „anthropologischen“ Standpunkt. Das medizinische Denkmodell der Psychiatrie wird nicht nur seinem Gegenstandsbereich, sondern auch seinen Denkgewohnheiten und seiner Methodik nach überschritten. In bewundernswerter empirischer Orientierung und kritischer Darstellung werden Ergebnisse und Methoden aller benachbarten Wissenschaftsbereiche, zumal der Kulturwiss