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Freud hat es der Nachwelt nicht leicht gemacht, zu erkennen, welch bedeutende Persönlichkeit er gewesen ist; er hat vielmehr immer versucht, sein Eigenleben zu verdecken. Keine Biographie, auch nicht die sorgfältigste, kann persönliche Äußerungen ersetzen. Wir sind heute dankbar, daß die Briefe Freuds an Fliess („Aus den Anfängen der Psychoanalyse“) gegen seinen Willen veröffentlicht worden sind; wir besitzen ferner Freuds „Briefe 1873-1939“, den Briefwechsel mit Abraham und Pfister, ein stattliches Material, das uns neben der wissenschaftlichen auch die menschliche Seite eines Genies zeigt.
Nun kommt ein weiterer Briefwechsel hinzu, ganz anderer Art als die bisherigen, der Briefwechsel mit einer Frau, die eine hohe Intelligenz mit großer Weiblichkeit verband. Lou Andreas-Salomé war eine in jeder Beziehung sehr ungewöhnliche Frau, eine „außerordentliche Frau“, wie Freud sie in seinem Nachruf bezeichnete, eine „Versteherin par excellence“ mit einem bemerkenswerten Einfühlungsvermögen in Menschen und wissenschaftliche Probleme. Diese Mischung von Weiblichkeit und Intelligenz macht es begreiflich, daß diese „femme fatale“ - wenn auch in einem anderen Sinne als dieser Ausdruck ursprünglich gemeint war - Beziehungen zu bedeutenden Männern ihrer Zeit gehabt hat, unter denen Nietzsche, der sie heiraten wollte, und Rilke die hervorragendsten sind. Freud, der so kritisch Frauen gegenüber war, muß von Anfang an gespürt haben, daß hier eine Frau sich an ihn wendet, die es mit ihrem Interesse an der Psychoanalyse ernst meint, weil Freuds Werk für ihr eigenes Leben einen Wendepunkt bedeutete. Daher ihr Wunsch, durch persönliche Beziehungen zu Freud und Mitarbeit mit ihm und den Mitgliedern seines Kreises diese Bedeutung der Analyse für sie wissenschaftlich zu unterbauen, d. h. von der Freudgruppe zu lernen, aber auch ihre Kritik anzuwenden und sich nicht zu scheuen, ihre gelegentlich abweichende Ansicht zu äußern und zur Diskussion zu stellen. Dadurch wird dieser Briefwechsel ung