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Der Begriff Über-Ich ist ein struktureller Begriff. Wir können Strukturen im Querschnitt betrachten, d.h. nach den metapsychologischen Gesichtspunkten der Dynamik, der Topik und der Ökonomie untersuchen, was eine Struktur auf einer gegebenen Entwicklungsstufe leistet. Wir können aber auch, wie es hier versucht werden soll, nach dem Entstehen der Struktur, d. h. nach der Entwicklung einzelner Funktionen bis zu ihrer strukturellen Vereinigung fragen.
Diese genetische Betrachtungsweise stand nicht am Anfang der psychoanalytischen Forschung, und auch heute noch wissen wir über die Funktion der seelischen Strukturen mehr und Verläßlicheres als über ihre Entwicklung. Strukturen und ihre Entwicklung sind ja der Beobachtung, auch in der praktischen analytischen Arbeit, nicht direkt zugänglich. Beobachtbar sind die Funktionen oder, genauer gesagt; spezifische menschliche Verhaltensweisen, aus denen sich auf das Vorhandensein „dauerhafter psychischer Bildungen“ (Kuiper, 1962) schließen läßt. Auf diese Art hat Freud auch den Begriff des Über-Ichs entwickelt: von spezifischen Verhaltensweisen und Reaktionen ausgehend, die ihm innerhalb bestimmter Krankheitsbilder, vor allem der Melancholie und der Zwangsneurose, auffielen (Freud, 1917, 1921). Auf diese klinischen Beobachtungen gestützt, spricht er schon vor der endgültigen Formulierung des Struktur-Modells (Freud, 1923) vom Ich-Ideal — oder Gewissen — als von einer Differenzierung innerhalb des Ichs, der er die Funktionen der Selbstbeobachtung1, des moralischen Gewissens, der Traumzensur und einen Haupteinfluß bei der Verdrängung zuschreibt. Diese Instanz2 sei „der Erbe des ursprünglichen Narzißmus, in