You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Es fällt auf, wie oft Freud in seinen Schriften den Ausdruck „Erraten“ verwendet: „Wenn ich aber den Sinn meines Einfalls … richtig erraten habe …“ (XVI, S. 253).1 „Was da im Wege stand, ist nicht sicher zu erraten“ (XVI, S. 106); die Stellen ließen sich vermehren. Man liest über diese Wendungen leicht hinweg und ist geneigt, sie auf das Konto der intellektuellen Sensibilität und selbstkritischen Skepsis zu setzen, mit der Freud ganz allgemein seine Aussagen zu formulieren pflegte (Marcuse 1956, S. 30 ff.). „Erraten“ würde in diesem Sinne lediglich eine Abschwächungsform von „Erkennen“ darstellen und wäre somit nichts weiter als eine stilistische Floskel der Bescheidenheit.
Eine solche Erklärung greift zu kurz. Es wird zu zeigen sein, daß in diesem Begriff ein spezifisches, den analytischen Erkenntnisprozeß in seinem Wesen kennzeichnendes Moment angedeutet ist. Daß Freud der Ausdruck „Erraten“ nicht zufällig in die Feder geflossen ist, läßt sich aus seiner späten Schrift über „Konstruktionen in der Analyse“ mit aller Deutlichkeit entnehmen. Der Patient, so führt Freud dort aus, soll in der Analyse dahin gebracht werden, die Verdrängungen seiner Frühentwicklung aufzuheben und sie durch adäquatere Reaktionen zu ersetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es notwendig, daß er die verdrängten Erinnerungen reproduziert. Doch was hat der Analytiker dabei zu tun? „Der Analytiker hat von dem, worauf es ankommt, nichts erlebt und nichts verdrängt; seine Aufgabe kann es nicht sein, etwas zu erinnern … Er hat das Vergessene aus den Anzeichen, die es hinterlassen, zu erraten oder, richtiger ausgedrückt, zu konstruieren“ (XVI, S. 45).
„Erraten“ und „Konstruieren“ sind also beinahe identische Begriffe. So wichtig ist Freud dieser neugeprägte Ausdruck „Konstruktion“, daß er in der gleichen Abhandlung an späterer Stelle nochmals seine Bedeutung unterstreicht: „Wenn man in den Darstellungen der analytischen Technik so wenig von ‚Konstruktionen‘ hört, so hat dies seinen Grund darin, daß