You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Epigenetisch nennen wir ein Vorgehen, das die einzelnen Stufen beschreibt, die für die Entwicklung des Individuums in seinem Lebenszyklus bestimmend sind, wobei jede Stufe auf allen vorhergehenden fußt. Zu einer epigenetischen Betrachtung der „Ritualisierung“ (ein Wort, das wir vorläufig noch in Anführungsstriche setzen wollen) müssen wir zunächst drei Bedeutungen dieses Begriffs unterscheiden, die zur Zeit in Gebrauch sind. Bei der ältesten, der anthropologischen Bedeutung handelt es sich um Bräuche und Rituale, die von Gemeinschaften Erwachsener geübt werden (wobei zuweilen die Kinder zusehen und die Jugendlichen mitmachen dürfen); sie dienen dazu, die Jahreszeiten oder die einzelnen Lebensphasen herauszuheben. Wir werden zwar versuchen, einige der genetischen Wurzeln aller Riten-Bildungen aufzuspüren, werden es aber nicht mit dem Ritual der Erwachsenen als solchem zu tun haben.
In der jüngeren, klinischen Bedeutung des Begriffs spricht man von einem „privaten Ritual“ etwa im Zwangsverhalten, um repetitive, von einem einzelnen Menschen allein vorgenommene Handlungen höchst idiosynkratischer Bedeutung zu bezeichnen. Ein solches Verhalten hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den zwecklosen Dauerhandlungen von Tieren im Käfig und scheint damit ein „natürliches“ Verbindungsglied zu einem möglichen phylogenetischen Ursprung der „Ritualisierung“ in ihrer stereotypen, getriebenen Form darzustellen. Von dieser klinischen Bedeutung des Begriffes wollen wir auch absehen, um uns stattdessen neueren Einsichten in der Ethologie und der Psychoanalyse zuzuwenden.
In der ethologischen Literatur gibt es heute eine Richtung (die z. B. 1964 von K. Lorenz zusammengefaßt dargestellt worden ist), in welcher, einem Vorschlag von Julian Huxley folgend, das Wort Ritualisierung ausdrücklich ohne Anführungsstriche benutzt wird, um gewisse phylogenetisch vorgeformte, zeremonielle Akte bei den sogenannten sozial lebenden Tieren zu bezeichnen. Wir erinnern uns des Begrüßungszeremoniells, mit welchem