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Viele von uns haben neurotische Patienten gesehen, die etwa in folgender Weise charakterisiert werden können: In ihrem Ausdruck und ihrem Verhalten, im Kontakt mit ihren Mitmenschen fühlen sie sich gehemmt und leiden unter einem Mangel an Spontaneität. Die Verbotsinstanz in ihrer Persönlichkeit ist streng, ihr Ideal-Ich richtet sich gegen Triebäußerungen und Triebbefriedigungen. Die letzteren werden nur dann ohne Schuldgefühl erlebt, wenn sie sich innerhalb eines sehr eng begrenzten Raumes bewegen. Sexuelle Beziehungen vor der Ehe gelten oft als unerlaubt; sie stehen im Widerstreit mit den Idealen, denen nachzuleben man sich vorgenommen hatte. Häufig kamen die Patienten, auf die ich mich beziehe, aus einem streng religiösen Milieu, womit jedoch nicht gesagt sein soll, daß ihre Religion die Ursache für ihre Neurose war, jedoch werden religiöse Inhalte nicht selten neurotisch verarbeitet.
Technische Hinweise, wie die analytische Behandlung solcher Patienten so wirksam wie möglich durchzuführen ist, ergeben sich aus unserem metapsychologischen Modell: Zunächst wird damit begonnen, die Abwehrprozesse durchzuarbeiten, wobei sich die Aufmerksamkeit auf die Über-Ich- und Ideal-Ich-Inhalte richtet, damit der Analysand sich selbst gegenüber toleranter werden kann. Wenn das gelungen ist, kann später das starke Schuldgefühl mit der abgewehrten Aggression in Beziehung gesetzt werden, das Ideal-Ich mit Kränkungen.
Patienten, die zu dieser Gruppe gehören, begegnen uns immer wieder, aber viele von uns sehen auch Patienten von ganz anderer Art. Wenn man bereit ist, mit dem vieldeutigen Psychopathie-Begriff zu arbeiten, könnte man sagen: Diese Patienten verhalten sich psychopathisch. Würde man daraus aber den Schluß ziehen, diese Patienten seien affektiv verwahrlost oder unbehandelbar, dann wäre eine solche Folgerung voreilig und falsch.
Was können wir beobachten, wenn wir diese neurotischen Menschen untersuchen? Sie machen in ihrem Verhalten und ihren verbalen Äußerungen keineswegs ei