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„Unsere Diagnosen erfolgen sehr häufig erst nachträglich, sie sind von der Art, wie die Hexenprobe des Schottenkönigs, von der ich bei Victor Hugo gelesen habe. Dieser König behauptete, im Besitz einer unfehlbaren Methode zu sein, um eine Hexe zu erkennen. Er ließ sie in einem Kessel kochenden Wassers abbrühen und kostete dann die Suppe. Danach konnte er sagen: Das war eine Hexe, oder: Nein, das war keine. Ähnlich ist es bei uns, nur, daß wir die Geschädigten sind.“
Dieses etwas makabre Gleichnis Freuds hat insofern immer noch Gültigkeit, als ein wirkliches Verständnis für die tieferen Schichten der menschlichen Persönlichkeit erst nach Abschluß einer gelungenen psychoanalytischen Behandlung gewonnen werden kann. Dennoch ist dieser Vergleich in anderer Hinsicht heute nicht mehr verbindlich. Wir sind jetzt eher in der Lage, die Kontur einer „Hexe“ mit einiger Sicherheit im voraus zu erkennen, weil die Summe der vielen psychoanalytischen Erfahrungen unsere Wahrnehmungen so geschärft hat, daß wir unwesentlich erscheinende Spuren in ihrer wahren Bedeutung sicherer einschätzen können. Diese Wahrnehmungen haben einen Bedeutungshorizont für psychische Phänomene eröffnet und zu einer Veränderung unserer psychologischen Bewußtseinslage gegenüber menschlichen Problemen geführt. Dieser Entwicklung müssen wir Rechnung tragen; denn sie bedeutet konkret, daß neben der Verfeinerung der eigentlichen psychoanalytischen Technik, der Ausweitung ihrer Anwendungsgebiete und der zunehmenden Differenzierung des Wissensstoffes ein Niederschlag der psychoanalytischen Erkenntnisse in primär nichtpsychoanalytischen Situationen erfolgt. Ein Psychoanalytiker, der ein Gespräch zu diagnostischen Zwecken, eine Beratung, ein Gutachten oder einen psychologischen Test durchführt, kann seine psychoanalytischen Vorstellungen, die seinen Wahrnehmungen eine bestimmte Bedeutungsrichtung eröffnen, nicht mehr ausschalten. Sein Bewußtsein für die Bedeutung unscheinbarer Zusammenhänge