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Die Tiefenpsychologie befaßt sich bekanntlich mit bewußten und unbewußten Phänomenen des Menschen und ermöglicht somit eine Ganzheitsperspektive des Psychischen. Sie umschließt alle Lebensbereiche, und auch die einzelnen Kulturphasen der Geschichte können durch sie eine neue Deutung gewinnen.
So wird es verständlich, daß tiefenpsychologische Forschungen zahlreiche Wissensgebiete befruchten, wie auch Arbeiten anderer Disziplinen die Tiefenpsychologie zu
bereichern vermögen. Im Sinne dieser Erkenntnis sei hier auf ein Werk hingewiesen, dem eine hervorragende Stellung in der wissenschaftlichen Forschung zuerkannt werden muß. In zehnjähriger Arbeit haben ein Literaturhistoriker und ein Philologe mit einem Stab ausgesuchter Fachleute ein „Handbuch der Sinnbildkunst“ geschaffen, indem sie die Emblembücher der Renaissance, des Manierismus und Barock erschlossen—Veröffentlichungen, die eine außerordentliche Wirkung im Geistesleben ihrer Zeit hatten. So brachte es beispielsweise der 1531 in Augsburg erschienene „Emblematum liber“ auf 150 Auflagen.
Das Emblem hat eine lange Geschichte. Es spielt in den ägyptischen Hieroglyphen eine ebenso große Rolle wie auf den Kultbildern und Münzen der Antike; es ist mit seinem reichen Symbolgehalt wesentlicher Bestandteil der mittelalterlichen Bildwerke. Doch erst im 16. und 17. Jahrhundert wurden die Emblembücher populär. Was heute in höchst verdünnter Form allenfalls noch in Wappen, Wahlsprüchen und Exlibris zu sehen ist, war damals in den Emblembüchern als „Weltschau“ zu begreifen—und zwar in einprägsamen, auf das Wesentliche konzentrierten Sinn-Bildern des Lebens, deren Symbolgehalt sich im beigegebenen Motto und Epigramm erschloß. Durch die Doppelfunktion des Darstellens und Interpretierens wurde das Unsichtbare sinnlich faßbar gemacht. Dem Beschauer dieser vielfach mythologischen Bilder wurde auf diese Weise die Wirrnis des Seienden besser verständlich—mehr noch: die in Analogien gedeutete Welt bot ein Regulativ menschlichen Verhalt