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In der Reihe „Conditio humana“ des Fischer Verlages hat J. Cremerius eine Auswahl der Arbeiten Karl Abrahams herausgegeben und mit einer Einleitung versehen.
Nachdem der Referent diese ausgewählten Schriften, die er z.T. aus Handmanuskripten und aus der englischen Ausgabe kannte, gelesen hatte, konnte er nicht mehr begreifen, daß 36 Jahre verstreichen mußten, bis K. Abrahams Arbeiten dem heutigen deutschen Leser zugänglich gemacht wurden. Hinzu kommt, daß die Persönlichkeit Abrahams aus dem Briefwechsel mit Freud durchaus vertraut ist. Abraham hat 1910 die deutsche psychoanalytische Vereinigung gegründet und sich im Berliner Raum um die Verbreitung der Psychoanalyse so verdient gemacht wie Ferenczi in Budapest, dessen „Bausteine“ unter Betreiben seines Schülers M. Balint 1964 wieder erschienen sind. So bleibt die Vermutung, daß Abraham mit seinen bahnbrechenden Ideen zwar viel zitiert, aber doch nicht so allgemein gelesen wurde, wie seine Kollegen der ersten Psychoanalytikergeneration — und das völlig zu Unrecht, wie das vorliegende Buch beweist.
Der Gedanke, vor 50 Jahren geschriebene Arbeiten der Schüler Freuds hätten heute nur noch historisches Interesse, verfliegt beim Lesen der Schriften Abrahams im Nu. Abraham erweist sich als ein Meister der Libidotheorie in all ihren Anwendungen. Die Studien sind so meisterlich geschrieben, daß keine Korrekturen durch neuere Entwicklungen anzubringen sind. Im Gegenteil, viele Ansätze zur Ichpsychologie und zum Ausbau des narzißtischen Systems sind deutlich erkennbar, aber nur so weit geführt, wie es der damalige wissenschaftliche Rahmen erlaubte. Darin unterscheidet Abraham sich grundsätzlich von Psychoanalytikern wie Rank, Jung und Adler, die mit originellen Ideen vorauseilten, sich aber später Korrekturen gefallen lassen mußten. Abraham sprengt keinen wissenschaftlichen Rahmen, sondern füllt ihn mit minuziöser Gründlichkeit und eminenter Sachkenntnis aus. Er ist ein ausgeprägt klinischer Psychoanalytiker, denn alle seine Er