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Unter dem Gesichtspunkt einer ‘sociologie du présent’ untersuchten Morin und Mitarbeiter einen der offenbar periodisch auftretenden Fälle, in denen sich Gerüchte
über Mädchenhandel und antisemitische Tendenzen zu einer Phantasie verbinden, von der innerhalb weniger Tage eine ganze Kleinstadt ergriffen wird.
Im Mai 1969 entsteht, verbreitet und entwickelt sich in Orléans das Gerücht, daß zuerst in einer, dann in zwei, zuletzt in sechs Boutiquen und Pop-Shops ein organisierter Mädchenhandel blüht. Die Geschäfte gehören mit einer Ausnahme jungen, erfolgreichen Juden. Im weiteren Veriauf des Gerüchts steigt die Zahl der verschwundenen jungen Frauen und Mädchen ständig, wird schließlich mit 26 angegeben. So wie sich das Aktionsgebiet der Mädchenhändler von den schlüpfrigen Bars in die chiquen Boutiquen verlegt hat, so haben sich auch die Methoden gewandelt: Nicht mehr Überredung und Verblendung dummer Provinzgänschen und leichter Tänzerinnen, die Sicherheit moderner junger Stadtmädchen und honetter Frauen ist in Gefahr, seit diese Händler mit Rauschmitteln und Spritzen ihre Kundinnen in den Umkleideräumen ihrer Sinne und dann noch weiterer Preziosen berauben. Das Gerücht scheint zu Anfang von seinen potentiellen Opfern auszugehen. Von den Umkleideräumen geht ihr Weg durch die Katakomben unter der Stadt über dunkle Transportwege zu den Orten exotischer Prostitution. Innerhalb von zwei Wochen steigert sich das Gerücht zu immer phantastischeren Ausmaßen und findet seine Verbreitung über die gesamte Stadt, dringt in alle Schichten, wenn auch sein Schwerpunkt weiter bei der weiblichen Bevölkerung liegt. In dem Maße, in dem sein Inhalt immer unwahrscheinlicher wird, die Glaubensanforderungen immer größer werden, wächst seine Verbreitung und die Erregung der Gläubigen.
Bis hierhin handelt es sich um ein in Kleinstädten beliebtes Gerücht, das zusammenhängt mit dem Wandel der städtischen Strukturen, der Frauenemanzipation, der gesellschaftlich nicht zugelassenen sexuellen Bedürfn