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Im Vorwort dieses Buches verspricht Gehlen, einen ethischen Pluralismus ans Licht zu ziehen, die Tatsache zu behandeln, “daß es mehrere voneinander funktionell wie genetisch unabhängige und letzte sozialregulative Instanzen im “Menschen gibt”. Er möchte eine solche pluralistische Ethik “als Wissenschaft von den verschiedenen Grundformen sozialregulativer Impulse und Appelle samt ihrer inneren Gegensätze” abhandeln. Die verschiedenen Quellen des Sollens sind nach Gehlen nicht nur voneinander unabhängig, sondern z. T. auch miteinander unverträglich. Dies stellt sich erst dann heraus, wenn Situationen eintreten, die extreme Lösungen erfordern, so daß sich der Ethos radlkalisiert. Schon die alten Griechen hätten den “Widerstreit der Ethosquellen” erkannt. Wer sich auf den Boden des einen Naturrechts, des Rechtes des Stärkeren stelle, müsse von dem anderen Naturrecht, von Treue und Glauben her, als Rechtsbrecher erscheinen.
In den “Sozialregulationen” sieht er “triebartige Anlagen”, die in großen Linien die Harmonien und Konflikte des gesellschaftlichen Lebens vorbestimmen. Das ethische Sollen drückt für ihn nichts anderes aus als das zugemutete, im Idealfall situationsrichtige Funktionieren eines beim Menschen unzuverlässigen “Instinktimpulses”. Im Ethos der Gegenseitigkeit z. B. drückt sich die angeborene, instinktive Seite ebenso aus wie deren Überformung durch das Naturrecht: Du sollst Gutes mit Gutem vergelten. In seinen Überlegungen über den Strafzweck nimmt Gehlen das Ethos der Gegenseitigkeit besonders ernst