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Die wissenschaftlich-theoretische Beschäftigung mit Kriminalität und Verbrechen hat in den letzten 100 Jahren einen, nicht eben geradlinig zu nennenden Entwicklungsweg genommen. Man erinnere sich: Erst im vorigen Jahrhundert begann Lombroso, im Widerspruch gegen die teils abergläubch-mythischen, teils abstrakt rationalistischen Vorstellungen, die Volksmeinung, Philosophie, Theologie und Jurisprudenz vom Verbrecher hatten, den Kriminellen als einen wirklichen, lebenden Menschen zu betrachten. Daß Lombroso als Arzt mit seinen empirischen Forschungen bei den körperlichen Besonderheiten von Gefängnisinsassen ansetzte, ist verständlich. Daß er, vermutlich unterm Einfluß eines recht kruden physikalischen Materialismus, neben der physischen die soziale Dimension der Wirklichkeit nicht sah oder sehen wollte, ist zwar zu kritisieren, schmälert aber nicht sein Verdienst, den (mit Comte zu sprechen) Schritt von der Metaphysik zur positiven Wissenschaft getan zu haben. Diese Wissenschaft verfeinerte sich später, entwickelte Disziplinen (Kriminalbiologie, -Soziologie, -psychologie, -psychiatrie usw.) und Schulen. Nur in einem Punkt konnte sie sich lange Zeit nicht von ihrem Vorläufer Lombroso emanzipieren: Sie sah wie er als wichtigste Ursache der Kriminalität den Kriminellen an und machte ihn im Singular oder Plural zum Gegenstand ihrer Untersuchungen. Selbst die Kriminalsoziologie (von ihren psychologischen und psychiatrischen Schwesterdisziplinen zu schwelgen) blieb auf das kriminelle Individuum fixiert. Durch statistische Berechnungen wurde zwar erkannt, daß ein Zusammenhang zwischen Kriminalität sowie gewissen “ungünstigen sozialen Einflüssen” (Alkoholismus, Familienzerrüttung, Armut, Leben im Slum usw.) bestehe. Aber wie dieser Zusammenhang sich herstellte, blieb weithin