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Das Buch greift drei zusammenhängende Kernprobleme der psychoanalytischen Theorie und Praxis auf. Es behandelt 1. die Psychoanalyse als wissenschaftliche Disziplin, 2. die Rolle der Sprache in der Neurose und 3., von diesen Erwägungen ausgehend, das Wesen der psychoanalytischen Therapie.
Lorenzer erschöpft diese Themen natürlich nicht — wer könnte das? Aber auf 211 Seiten umspannt er in knapper, unpolemischer Sprache ein erstaunlich weites Gebiet. Man erkennt, daß er das heutige psychoanalytische Wissen beherrscht und zugleich mit relevanten soziologischen und philosophischen Anschauungen vertraut ist. So diskutiert er u. a. Jaspers, Rickert, Binswanger, Habermas und Wittgenstein. Bei der sorgfältigen Lektüre seiner Arbeit wird deutlich, wie originell sie ist und welche Bedeutung sie für viele Probleme der Humanwissenschaften hat. Ich werde einige dieser Implikationen erwähnen, will aber zunächst Lorenzers hauptsächliche Gedanken skizzieren und beginne mit seiner Diskussion der Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse.
Hier ist die entscheidende Frage, ob die Psychoanalyse Natur- oder Geisteswissenschaft ist. Als Naturwissenschaft hätte sie Hypothesen vorzulegen, die früher oder später zu verifizieren oder zu falsifizieren wären. Sie hätte sich — in dem von Jaspers und Rickert definierten Sinne — auf „erklärende“ Verfahrensweisen zu stützen. Ist sie jedoch in erster Linie eine historische (oder hermeneutische) Wissenschaft, kommen andere Validierungsprinzipien in Frage. Dann wäre nicht „Erklären“, sondern „Verstehen“ im Sinne der Diltheyschen Definition am Platze. In solchem „Verstehen“ geht es um die Bedeutung oder den Sinn eines Geschehens oder Sachverhaltes. Lorenzer kommt zu dem Schluß, daß die Psychoanalyse im wesentlichen eine Wissenschaft des zweiten Typus ist: Sie deckt Bedeutungen auf, bevorzugt eine historische (oder genetische) Betrachtungsweise und ist eher „verstehend“ als „erklärend“. (Er gibt jedoch zu, daß auch das „Erklären“ eine notwendige, obschon sek