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Die Anwendung der Psychoanalyse auf Biographik, Literatur und Kunst ist schon oft totgesagt worden, obwohl manches dafür spricht, daß sich dieser Forschungszweig seit den Tagen der „klassischen“ Psychoanalyse weiterentwickelt hat. Daß jetzt rasch hintereinander bei zwei großen Verlagen zwei Bücher erschienen sind, die diesen Zweig der Psychoanalyse zum Gegenstand haben, ist wohl als ein Zeichen zu werten, daß sich das Interesse an ihm gegenwärtig wiederbelebt. Zwei Aufgaben sind zu leisten, die sich aus der Situation im deutschsprachigen Raum ergeben und mit der Unterbrechung der Kontinuität im Hitler-Deutschland zusammenhängen: erstens der Wiederanschluß an die Tradition, wie sie sich vor 1933 in der Zeitschrift „Imago“ verkörperte; und zweitens der Anschluß an den heutigen Stand psychoanalytischer Kunst-und Kreativitätsforschung, wie ihn z. B. die Arbeiten K. R. Eisslers über Leonardo, Goethe, „Hamlet“ repräsentieren.
Beide Aufgaben sind wichtig, aber schwer miteinander zu vereinen; es entspricht dieser Schwierigkeit, daß die beiden erwähnten Bücher sich klar für jeweils eine dieser Aufgaben entschieden haben. Der 1971 bei Fischer erschienene, von Johannes Cremerius herausgegebene Band dient vor allem dem Wiederanschluß an die Tradition; seine Domäne ist die klassische psychoanalytische Studie über das Triebschicksal einer historischen Persönlichkeit, eines Künstlers etwa oder eines Politikers. Daß ein starker Akzent auf dem Politischen liegt — mit einer Studie Freuds über Wilson, Eriksons über Hitler und Cremerius' über Philipp II. von Spanien —, sichert dem Buche seine Aktualität. Dennoch bleibt es — zumindest mit seinem Titel „Neurose und Genialität“ — jenem alten Schema verhaftet, wonach sich die Menschheit in ihren „genialen“ Persönlichkeiten dauerhaft repräsentiert sieht und so an das Faszinosum des „Genialen“ — im Positiven und im Negativen — gebunden bleibt.
Es scheint mir ein Verdienst des zweiten, hier zu besprechenden Buches, ernsthaft den Versuch gemacht