You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die psychoanalytisch ausgerichtete Völkerkunde hat ihre eigene, in gewissem Grade unabhängige Geschichte, unabhängig in dem Sinn, daß sie das ethnographisch Erfaßbare in seinen vielfältigen Einzelerscheinungen zu erkennen trachtet
und sich sodann bemüht, den Inhalt nicht nur zu verzeichnen, sondern empirisch zu verstehen und unromantisch zu deuten.
Thomas Mann hat einmal vom Erkenntnistrieb gesprochen. Es war eben dieser Erkenntnistrieb, der Freud dazu brachte, das Urwesen des Menschen historisch-dynamisch zu sehen und zu erklären und damit das Menschsein an sich besser zu begreifen. Unter dieser Voraussetzung suchte er nach den Wurzeln der konflikthaften Welt des einzelnen, also jenseits der vorgegebenen banalen Wirklichkeit. Bei diesem Versuch griff er in die Vorgeschichte des homo sapiens zurück, entwarf sozusagen ein Programm, das stark unter dem Einfluß von Darwin, Haeckel und Lamarck stand, und so die Entwicklung von Mensch und Kultur weitgehend als das Ergebnis eines vorbestimmten, evolutionären Prinzips sah, dessen Richtung durch allmähliche Versagung, Verdrängung und Selbstverneinung gekennzeichnet ist.
Dieser ursprünglichen Auffassung, die ihr Echo in Totem und Tabu findet, liegt ein Wertprinzip zugrunde, das in mehr als einer Hinsicht nicht den Gegebenheiten entspricht. Selbst die Urhorde, an die Freud dachte, setzt einen psychischen Kontrollmechanismus voraus, der blinder und sinnloser Triebfreiheit entgegensteht. Hier war also ein zeitbedingter Gedankengang im Spiel, dessen Kern im wissenschaftlichen Weltbild des späteren 19. Jahrhunderts liegt. Freud sprach bezeichnenderweise von Wilden, nicht von Eingeborenen, Naturvölkern oder Primitiven.
Feldforschung vermittelt uns ein anderes Bild. Die „Wilden“, die wir kennen, sind alles andere als ungehemmt und impulsiv. Wenn es zu Ausbrüchen von Wildheit kommt, sind diese fraglos in das jeweilige Verhaltenssystem eingebaut und haben ihre Funktion im Rahmen einer traditionell festgelegten Gesetzlichkeit. Schon To