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Freud veröffentlichte „Totem und Tabu“ im Jahre 1913. Er hielt das Buch für eine wichtige Arbeit, da es die Universalität des Ödipuskomplexes veranschaulichte und, wie er glaubte, Gegenstände erhellte, die dem Gebiet der Anthropologie angehören. Alfred Kroeber, der damalige Doyen unter den Anthropologen, der der Psychoanalyse nicht ohne Sympathie gegenüberstand und zudem einer der Mentoren von Erik H. Erikson war, unterzog das Buch dem, was Ingenieure eine „Zerreißprobe“ nennen würden (Kroeber, Am. Anthrop., 1920). Später bereute er, daß seine Kritik so vernichtend ausgefallen war — weshalb kein Anthropologe das Werk ernst nahm — und schrieb eine zweite Besprechung (Am. J. Sociol., 1939), in der er die Schroffheit bedauerte, mit der er über etwas geurteilt habe, was letztlich der Laune eines Genies (Freuds) entsprungen war. Er erklärte, er habe in seiner Kritik mit Kanonen auf Spatzen geschossen; „Totem und Tabu“ verdiene als Kunstwerk behandelt zu werden — als ein Phantasiestück, ein hauchzartes Gebilde, das man bewundern, aber nicht zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Kontroverse mächen solle. Freud stützte sich auf Anthropologen der Vergangenheit — Frazer und Robertson-Smith —, und seine Schlußfolgerungen beruhten auf Daten, die nicht für seine spezifischen Zwecke zusammengetragen worden waren und daher in diesem Zusammenhang nur begrenzte Gültigkeit besaßen.
In den zwanziger Jahren lebte der polnisch-britische Anthropologe Malinowski auf den Trobriand-Inseln. Freuds These war ihm bekannt, und er hatte unmittelbaren Kontakt mit einer Kultur, die deutlich mutterrechtlich organisiert war. Anhand seiner Beobachtungen, die unter dem Gesichtspunkt psychoanalytischer Methodologie mangelhaft waren, argumentierte er, daß der Ödipuskomplex, wie Freud ihn beschrieb, ein Sonderfall sei, und daß es verschiedene „Kernkomplexe“ gäbe, je nachdem wie die sexuellen und Autoritätsbeziehungen in der Familie strukturiert sind. Das gab Anlaß zu der berühmten Auseinandersetzung zwi