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Die Frage „Müssen wir hassen?“ zum Titel eines Buches zu wählen, erfordert außerordentlichen Mut. Es ergibt sich auf den zweiten Blick: eine einzige Antwort ist nicht möglich. Die Kritik, ja die Aggression derjenigen, deren Erwartungen desto rascher zu enttäuschen sind, je dringender sie auf eine Antwort warten, sind dem gewiß, der sich der Frage stellt, der den (unvermeidlichen) „Konflikt zwischen innerer und äußerer Realität“ zum Thema eines Buches macht, das jedermann lesen kann.
Margarete Mitscherlich hat den Mut, den sie mit ihrem Buch erst zu beweisen scheint, längst früher aufgebracht. Sie führt das schwierige und verantwortungsvolle Leben einer Psychoanalytikerin in einer Zeit, in der Praxis und Theorie ihrer Wissenschaft in Frage gestellt sind und in der die Grundlagen menschlicher Gesellschaft (nicht nur in Deutschland) einer Überprüfung und Änderung bedürftig sind. Die Sammlung von sieben Artikeln und Vorträgen, die sie in zehn Jahren praktischer, theoretischer und didaktischer Arbeit an die Öffentlichkeit gebracht hat, sind das Ergebnis der fortgesetzten Bemühung, die eigenen Erfahrungen und Schlußfolgerungen zu reflektieren und sie im Rahmen der umfassenden Freudschen Wissenschaft vom Seelenleben des Menschen zur Diskussion zu stellen. Doch handelt es sich nicht um eine zufällige Sammlung einzelner Themen. Durch die sorgfältige Umgestaltung der Texte, durch Hinweise und ein nützliches „Glossar“ ist ein Buch über den heutigen Stand der Psychoanalyse entstanden, das ohne Anspruch auf lückenlose Vollständigkeit eines unerschöpflichen Themas einen Überblick gibt und eine Vielzahl sorgfältig vertiefter Einsichten vermittelt. Für den, der mit dem psychoanalytischen Denken noch wenig vertraut ist, wird der klare Stil und werden die zahlreichen prägnant zusammengefaßten Behandlungsberichte den Zugang erleichtern. Der praktisch tätige Psychoanalytiker wird durch die Genauigkeit der theoretischen Überlegungen und die wohlgesetzten Zitate zu einer Vertiefung seiner