You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Thomas Kuhn nennt ein Bezugssystem, das auf signifikante Weise Daten enthüllt und neu ordnet, neue Bedeutungen schafft und wesentliche Perspektiven eröffnet, ein „Paradigma“. Neue Paradigmen bringen eine neue Realität mit einer neuen dazugehörigen Sprache ins Blickfeld. Freud schuf ein solches Paradigma mit seiner Psychoanalyse, obwohl seine Begriffe in der Physik und Neurologie des 19. Jahrhunderts verankert blieben. Fenichels 1945 veröffentlichte „Neurosentheorie“ vermittelt exemplarisch einen Eindruck von der Leistungsfähigkeit dieses Paradigmas.
Ich glaube, daß der Familientheorie und -therapie, die sich nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte, ein anderes Paradigma zugrunde liegt. J. Haley hat es vielleicht am besten charakterisiert. „Man kann“, schrieb er, „die Familientherapie nicht einfach eine neue Behandlungsmethode nennen; sie zeigt uns vielmehr Ursache und Behandlung psychiatrischer Probleme in neuer Sicht. Es kennzeichnet die Familientherapeuten in erster Linie, daß sie von einer gemeinsamen Grundannahme ausgehen. Soll sich das Individuum ändern, muß sich das Umfeld, in dem es lebt, ändern. Die Behandlungseinheit ist nicht mehr die Einzelperson, auch wenn nur ein Individuum interviewt wird, sondern das Beziehungsnetz, in das dieses Individuum eingebettet ist“ (J. Haley u. Lynn Hoffman, Techniques of Family Therapy. New York, 1967, S. 1).
In der Folge versuchten Familienforscher, dieses Paradigma von dem der Psychoanalyse abzugrenzen und dabei klarer zu erfassen, was die beiden voneinander trennte. Sie betonten daher die Bedeutung des Systems gegenüber der des Individuums (oder der Zweierbeziehung), die beobachtbaren Interaktionen gegenüber den zu erschließenden intrapsychischen Prozessen, den therapeutischen Aktivismus gegenüber einer eher abwartend beobachtenden Einstellung. Gleichzeitig versuchten sie, eine neue Sprache zu schaffen, die ihrem Gegenstand angemessener war als die der Psychoanalyse. Diese Sprache machte ihre Hauptanleihe bei der modernen In