You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
In „Asyle“, einer Sammlung von vier ineinandergreifenden Aufsätzen aus dem Jahr 1961, untersucht Goffman das Leben in totalen Institutionen. Totale Institutionen sind nach Goffman Einrichtungen, durch die eine Gesellschaft versucht, den vorgefundenen Charakter von Menschen zu verändern und Motivationen zu erzwingen, die mit den Zielen der Institution übereinstimmen. Im
Sinne dieser Kennzeichnung kann der Autor in seine Untersuchung Einrichtungen einbegreifen, die sich nach dem Grad der Freiwilligkeit bzw. der Unfrei-willigkeit mit der Individuen sich ihnen jeweils zur Verfügung stellen, stark voneinander unterscheiden — Klöster ebenso wie Altersheime und Sanatorien, Kasernen ebenso wie Gefängnisse, Konzentrationslager und — worauf Goffman, gestützt auf die teilnehmende Beobachtung, seine Aussagen vorwiegend bezieht — geschlossene psychiatrische Anstalten.
In „Asyle“ werden Schicksale des Selbst untersucht. Für Goffman bildet dieses Selbst — anders als in der Psychoanalyse — den (beweglichen) Schnittpunkt zwischen der Perspektive, aus der die Institution — und zwar jede Institution — das Individuum auf Grund ihrer sozialisierenden Funktion ins Visier nimmt, und jener Perspektive, die das Individuum auf Grund seiner Erfahrungen mit den Sozialisationspraktiken der Institution entwickelt. Während die Institution mit Unterstellungen über die menschliche Natur ihrer Mitglieder eine Konzeption des Selbst entwickelt und zu deren Übernahme durch das Individuum drängt, sucht sich das Individuum mittels seines Selbst der vollständigen Vereinnahmung durch die Institution zu entziehen. In totalen Institutionen nun ist diese Konzeption des Selbst nach Goffman so umfassend, belegt sie so viele Erlebnisbereiche (Altersidentität, Sexualität, Narzißmus) mit Beschlag, daß das Selbst des Individuums zur Zeit der Aufnahme in die Anstalt zunehmend vernichtet wird durch die fundamentale Verletzung der physischen Integrität (Seite 31) und der (subjektiven) Autonomie des Handelns (Seite 4