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Kurzgefaßte Betrachtungen über das Bild des Menschen in der hinduistischen Kultur sind fast immer der Gefahr mehrfacher Mißverständnisse ausgesetzt. Versuche solcher Art müssen nämlich den außenstehenden Leser mit Begriffen konfrontieren, die sich nur mit Mühe in westlichen Sprachen wiedergeben oder umschreiben lassen. Sie müssen oft wesentliche Zusammenhänge vernachlässigen oder vereinfachen, wobei der europäische Laie ständig in Versuchung gerät, ihm geläufige westliche Vorstellungen in jene Zusammenhänge zu projizieren.
Wenn nun ein wissenschaftlich gebildeter Inder, der zugleich mit der Begriffswelt der Psychoanalyse vertraut zu sein scheint, in der Psyche einen Aufsatz über „Indische Kultur und Psychoanalyse“ veröffentlicht, so erweckt dies beim Leser zunächst einige Erwartungen. Sudhir Kakars Beitrag hält indessen nicht, was er verspricht. Im folgenden soll hier in Kürze versucht werden, einige der verwirrenden Unklarheiten in seiner Darstellung zu bereinigen. Das altindische Wort Moksa (S. 636 ff.) wird in der Regel im Westen mit Moksha transkribiert. Es bedeutet „Befreiung“, nicht aber „Selbstverwirklichung“ oder gar „Transzendenz“ (S. 636). Was sich der Inder unter Moksha vorstellt, können wir Europäer erst dann erfassen, wenn wir den Gegenbegriff dazu verstehen. Er heißt im Altindischen Samsara und bedeutet den „Kreislauf der leidvollen Wiedergeburten“, kurz, aber nicht ganz zutreffend, auch „Seelenwanderung“ genannt. Die moderne Hindisprache verwendet dafür häufig das Wort Avagaman, das wörtlich „das Kommen und Gehen“ der Seele bedeutet. S. Kakar erwähnt diese Lehre nur beiläufig auf S. 646, versäumt aber deutlich zu machen, daß Samsara den dunklen Hintergrund von Moksha darstellt.
Moksha ist indessen nur einer der vier Purushartha („Menschenziele“). Die anderen lauten: Artha (hier in der engeren Bedeutung von „Reichtum“), Kama („sinnliche Liebe“) und Dharma („Gesetz“, „Ordnung“, „Recht“), womit eine Ordnung gemeint ist, die Makrokosmos und Mikrokosmos umfa