You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Dieter Wyss behandelt in diesem Bändchen vor allem drei Aspekte der Liebesbeziehung: erstens ihren wesentlichen pathischen Charakter, zweitens ihre häufig negative Dialektik, die zu typischen Teufelskreisen (oder Mißverständnissen) Anlaß gibt, und drittens den Lernprozeß, der aus diesen Teufelskreisen herauszuführen vermag.
Das pathische Wesen der Liebe vermittelt sich in literarischen Zeugnissen, die Wyss reichlich zitiert: der Verliebte fühlt sich im Griff einer Naturgewalt, er erlebt sich als „überfallen, überkommen, überwältigt, entrückt und verzaubert“, seine Existenz intensiviert sich. Er verlangt totale Kommunikation, totale Begegnung, totale Bindung.
Aber gerade dieses totale Verlangen bedroht die Beziehung: es stellt einen Sog dar, in dem sich die psychischen Strukturen der Partner entdifferenzieren, Projektionen ins Kraut schießen, Nähe zur erdrückenden Fessel wird, Mißverhältnisse bzw. Teufelskreise entstehen.
Um diesen Teufelskreisen zu entgehen, bedarf es nach Wyss eines Lernprozesses, den er im zweiten Teil näher beschreibt. Gelernt werden müssen nicht so sehr Verhaltens-, Kommunikations- oder Sexualtechniken (die Sexologie und Sextherapie à la Masters und Johnson kommen bei ihm schlecht weg) als vielmehr Einstellungen und Sensibilitäten, die den Partnern eine kreative Abgrenzungs- und Versöhnungsarbeit ermöglichen. Als Folge solcher Versöhnungsleistung — die immer eine Art Balanceakt darstellt — bleibt die Existenzintensivierung nicht nur eine Sache des Augenblicks, sondern kann andauern, führt Bindung nicht nur zur Fesselung und Entdifferenzierung, sondern letztlich zu Regeneration und verstärkter Individuation.