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Das Buch des Psychoanalytikers Richter stand monatelang auf Platz 1 der Bestsellerliste des „Spiegel“ — wie ist das möglich? Erstens vermeidet Richter den wissenschaftlichen Fachjargon und schreibt allgemein verständlich. Zweitens wendet er sich nicht an Psychoanalytiker, sondern, wie es die Balint-Gruppen anstreben, an Angehörige „sozialer“ Berufe, die mit Hilfe psychoanalytischer Einsichten ihre eigene Arbeit wirkungsvoller und befriedigender leisten können. Drittens ist Richters Studie, und das wird erst bei näherem Hinsehen deutlich, im strengen Sinn keine psychoanalytische Arbeit, sondern Resultat der sozialempirischen Beobachtung von Interaktionsfeldern.
Richters zentrales Interesse ist ein praktisches: Wie ist „standhaftes Handeln“ in sozialstaatlichen Versorgungsinstitutionen und in den an sie angrenzenden politischen Spontangruppen möglich, ein Handeln, das den circulus vitiosus gegenseitiger Einschüchterung durchbricht? Es geht um eine Sozialpsychopathologie des Alltagslebens in und im Umgang mit sozialstaatlichen Insituationen. Ärzte, Lehrer, Sozialarbeiter wollen, wenigstens zu Beginn ihrer Tätigkeit, einen engen Kontakt zu ihren Patienten und Klienten, um ihnen wirksam zu helfen. Sie suchen Kommunikation. Aber aufgrund undurchschauter, hinterrücks wirkender Mechanismen werden sie mit eiserner Notwendigkeit und Regelmäßigkeit von den eingeschliffenen Hierarchien und Verfahrensweisen der Institutionen korrumpiert.
Richter sucht die psychischen Mechanismen zu ergründen, die sowohl Ursache als auch Resultat gesellschaftlicher Organisationsformen zu sein scheinen. Damit setzt er seine früheren Untersuchungen („Patient Familie“, „Die Gruppe“, „Lernziel Solidarität“) konsequent fort, die ihn ebenfalls schon aus dem Horizont der traditionellen Psychoanalyse herausgeführt hatten. Richter geht es vor allem um die Bedeutung der aktuellen sozialen Situation für unbewußt vermittelte psychische Prozesse. Denn die Angst vor der Zukunft, vor Isolation, ja, vor dem wirkl