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Mit „Marxismus und Theorie der Persönlichkeit“ legt Lucien Sève, ein für die französische Arbeiterbewegung engagierter Autor, ein Buch vor, in dem die Ergebnisse seines Versuchs zusammengestellt sind, die Werke von Marx und Engels aus der Perspektive und mit dem Interesse des Psychologen zu lesen. Diese „psychologische Lesart“ (S. 421) des Philosophen Sève ist außerordentlich anregend. Viele Erkenntnisse, zu denen Sève gelangt, sind geeignet, die Entwicklung einer marxistischen Anthropologie voranzubringen. Der Psychoanalyse spricht Sève zwar, obwohl sie gewisse Anforderungen an eine allgemeine Theorie der Persönlichkeit erfülle (vgl. S. 294 ff.), die Potenzen einer Psychologie ab, die mit dem historischen Materialismus vereinbar wäre. Trotz der Vorbehalte des Autors erlaubt sein Buch aber, interessante Verbindungen zwischen historischem Materialismus und Psychoanalyse herzustellen.
Sèves Untersuchung über das Verhältnis von marxistischer Theorie und Psychologie läuft in zwei einander häufig überlagernden Ebenen ab: einer epistemologischen und einer realanalytischen. Bereits die Rechtfertigung, die Sève seiner Untersuchung voranstellt, ist von der Auffassung bestimmt, die Beziehung des Marxismus zur Psychologie sei erkenntnistheoretisch aufzuarbeiten; der dialektische Materialismus sei die „epistemologische Richtschnur“ (S. 45) einer marxistischen Theorie der Persönlichkeit. Darüber hinaus will Sève zumindest den Grund für eine Theorie der Persönlichkeit legen, welche die Situation der Individuen im Kapitalismus der Gegenwart angemessen erfaßt. Er führt vor allem die historische Tendenz einer total werdenden Entfremdung der Individuen an. Nach der Befreiung von Hunger und unmittelbarer physischer Gewalt würden nunmehr psychische Prozesse zunehmend von der Verelendung eingeholt — als „psychologisches Vergreisen“, als „Verhärten“, „Verknöcherung der Persönlichkeit“ (S. 370 f.), wie die psychopathologisch enthaltsamen Umschreibungen lauten: „… schon deutet sich an, daß