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Ist das Fremde und der Fremde anders als nach den Maßstäben des eigenen Lebens und der eigenen Kultur zu verstehen? Können wir, wenn wir uns in eine fremde Kultur versetzen, das Andere immanent begreifen, oder bleibt uns nur die Möglichkeit, das Andere so weit und so gut zu erfassen, wie wir uns selbst verstehen?
Diese Frage beschäftigt die Ethnologen — die Spezialisten im praktischen Umgang mit fremden, außereuropäischen Kulturen — seit sie aus der Befangenheit positiver, empirischer und spekulativer, imaginärer Erforschung anderer Gesellschaften heraustraten, seit sie sich selbst als Beobachter reflektierten.
Diese Selbstanalyse ist, als Bestandteil der Ethnologie, eine originär psychoanalytische Perspektive, in der die Fremdanalyse und die Eigenanalyse aufs Engste miteinander verknüpft sind; ohne Introspektion ist kein Fremdverstehen möglich. Am konsequentesten wurde dieser Vorrang der Introspektion im Sinne einer methodologischen Durchdringung der Ethnologie von Georges Devereux formuliert: Jede Wahrnehmung ist eine Wahrnehmung am Beobachter.
Als die Ethnologen zu Beginn des 20. Jahrhunderts diese Zusammenhänge entdeckten und sie systematisch auf ihre Disziplin anwendeten, stellten sie die Forderung auf, jeder Ethnologe habe im Rahmen seiner Ausbildung auch eine Psychoanalyse durchzuführen. Ist die psychoanalytische Selbsterfahrung und Schulung des Ethnologen die Vorbedingung und auch die Garantie für die Vermeidung ethnozentristischer Verzerrung, also für die der fremden Kultur adäquate Beurteilung? Ist — nach den Erfahrungen, die die Psychoanalytiker mit sich selbst gemacht haben — die Psychoanalyse das Modell, uns aus den Zwängen und Normen unserer Kultur und Gesellschaft so weit zu entlassen, daß wir die anderen Kulturen und Gesellschaften nicht immer nur als Negativbild oder als Abschattung unserer Lebens- und Wahrnehmungszusammenhänge, nicht immer nur als „verkehrte Welten” darstellen müssen?