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In der Sicht vieler Feministinnen erscheint die von Freud begründete Wissenschaft in merkwürdiger Gestalt: die Theorie des von Vorurteilen verblendeten alten Frauenfeindes ist demnach hinsichtlich der Wahrnehmung der Frau so sehr von Irrtümern durchsetzt, daß sie zum Ausgangspunkt des Anti-Feminismus werden mußte. Seine Therapie war dazu berufen, die Flut des Feminismus aufzuhalten. Thesen dieser — und viel weitgehender — Art werden in hohen Auflagen verkauft. Juliet Mitchell ist im Vergleich zu den Autorinnen der gängigen antipsychoanalytischen Pamphlete und Polemiken zwar weder theoretisch noch praktisch weniger engagiert hinsichtlich der allgemeinen Ziele der Frauenbefreiung, aber sie hält es für politisch verhängsnisvoll, eine Theorie danach zu beurteilen, ob sie auf den ersten Blick zu den eigenen Wertungen paßt oder nicht. Eine sorgföltige Analyse erscheint ihr auf längere Sicht für den politischen Erfolg der Frauenbewegung wichtiger als ein rasche Freund-Feind-Abgrenzung.
Ihre Untersuchung ist im wesentlichen in drei Teile gegliedert. Zuerst skizziert sie die psychoanalytische Theorie der Weiblichkeit. Anschließend kritisiert sie die radikale Psychotherapie von Wilhelm Reich und Ronald D. Laing und die mehr oder weniger systematisierten Auffassungen anderer Feministinnen (de Beauvoir, B. Friedan, E. Figes, G. Greer, S. Firestone, K. Millett) über die Psychoanalyse. In einem wesentlich kürzeren dritten Teil diskutiert sie den Zusammenhang zwischen Weiblichkeit und Patriarchat.
Bei ihrem Versuch, die Grundthesen der Psychoanalyse zu umreißen und vor diesem Hintergrund dann das Thema Weiblichkeit abzuhandeln, macht sie von vornherein ganz deutlich, daß die Psychoanalyse eine ihr eigene Untersuchungsebene hat, die nicht mit einer soziologischen oder biologischen verwechselt werden darf. Aus dieser Perspektive erscheinen dann manche Probleme in einem anderen Licht als in den üblichen feministischen Diskussionen. So z. B. wenn sie bei der Diskussion des vaginalen Org