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Alexander Mitscherlich zum 70. Geburtstag
Habent sua fata libelli. In diesem Fall von fatum zu sprechen, ist keine Übertreibung. Das Schicksal der Dokumentation, die Alexander Mitscherlich und Fred Mielke als Beobachter des Nürnberger Ärzteprozesses nach dem Krieg im Auftrag des Deutschen Ärztetages zusammenstellten, darf als symptomatisch dafür angesehen werden, in welchem Ausmaß die Deutschen nach dem Grauen des Faschismus bereit waren, „in den großen Prozeß der Schuldbearbeitung“ (Mitscherlich) einzutreten. Schuldbearbeitung — das hieß für die meisten und zumal in Westdeutschland sehr bald schon: vergessen, verdrängen, Sündenböcke suchen oder so tun, als sei nichts gewesen. Die Dokumentation, die die Verbrechen deutscher Ärzte vor allem während des Krieges belegt, konnte zwar noch 1949 als Buch erscheinen, aber eine Wirkung, nicht zuletzt bei der Ärzteschaft, um deren kollektives Berufsethos es ging, war ihr nicht beschieden.
Hinter solcher Wirkungslosigkeit muß man gezielte Rancüne vermuten. Es ist anzunehmen, wenn auch nicht zu beweisen, daß die Arbeitsgemeinschaft der Westdeutschen Ärztekammern die 10 000 Exemplare des Buches in aller Stille verschwinden, in irgendeinem Keller verschimmeln ließ; lediglich dem Weltärztebund lag das Buch vor: gleichsam als Alibi dafür, „daß die deutsche Ärzteschaft von den Ereignissen der verbrecherischen Diktatur abgerückt sei …“ (S. 15).
Das ist, wie gesagt, symptomatisch, und das hatte, wie man sieht, System. Natürlich betrifft diese Symptomatik und Systematik des „Ungeschehenmachens“ nicht allein die deutsche Ärzteschaft, sie betrifft auch nicht nur ein paar weitere Berufe wie Richter, Staatsanwälte, Lehrer, Offiziere, Professoren oder Theologen. Sie betrifft ein ganzes Volk. Von wenigen Ausnahmen, von wenigen mahnenden Stimmen abgesehen, die freilich im kollektiv verblödenden Traum vom „Wirtschaftswunder“ schnell untergingen, hatte und hat niemand ein Interesse, die Schwierigkeit der Schuldbearbeitung auf sich zu nehmen: „Wied