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„Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält“; der so den Wahrheitsgehalt seiner Satire vor dem kranksprechenden Blick des Analytikers zu retten suchte, Karl Kraus, entkam ihm nicht, so wenig übrigens wie jenen Literaturwissenschaftlern, die das Widerständige anpassen — ein Vergehen, für das er sie allzu gerne kastriert hätte. Nun wagt gar ein Literaturwissenschaftler sich ihm psychoanalytisch zu nähern; freilich nicht, um anzupassen und das künstlerische Werk auf neurotische Symptome hin zu überprüfen, sondern um die psychischen Antriebe zur literarischen Tätigkeit analytisch als Reaktionen auf leidenauslösende Verhältnisse zu beschreiben, denen sie zugleich zugehören und antworten, Verhältnisse, für deren Weiterwirken — auch in unseren Leiden — gerade das Werk von Karl Kraus und dessen Analyse das Gespür schärfen.
Wer so ansetzt, kann sich selbst nicht draußen lassen; der Verfasser thematisiert sein Verhältnis zum Gegenstand, ja, er macht es in Entsprechung zur Übertragungs-Gegenübertragungsbeziehung, wie sie die analytische Situation bestimmt, zum Medium der Interpretation. Das Werk wird psychoanalytisch nicht nur als eine Phantasie begriffen, die der Autor im Rückzug von den äußeren Objekten ausbildet, sondern objekt-psychologisch als Phantasie, die den Leser in eine imaginierte Szene einbezieht. Auf solche Übertragung antwortet der Leser-Interpret durch Gegenübertragung. Er ist kein unabhängiges erkennendes Subjekt, welches das Werk aus Distanz klassifizieren kann; die Interpretation ihrerseits, sofern sie der blinden Hingabe an die Gegenübertragung zu entrinnen sucht, ist kein Klassifizieren, sondern jener hermeneutische Prozeß, in welchem der Interpret sich dem Werk (dessen ihn vereinnahmender Übertragung) auch über die Reflexion seiner Gegenübertragung nähert, indem er ihr nachgeht und bei der Analyse seiner eigenen Widerstände ansetzt, sich also selbst verändert. Dieses m. W. hier erstmals erprobte Verfahren erweist sich insofer