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Freud und Schopenhauer: sie werden von Nitzschke auf merkwürdige Weise ungleich gewichtet. Einerseits nehmen Freuds Einlassungen zur psychischen Realität sowie insbesondere seine Vorstellungen von psychischer Krankheit den weitaus größten Raum in Nitzschkes Buch ein. Andererseits heißt es gleich vorneweg und allen möglichen Mißverständnissen vorbeugend, Schopenhauer sei »aktueller als Freud«, ja, aus seiner Philosophie ergäben sich »Konsequenzen, die, übertragen auf das Gebiet der Psychologie, aus dem Werk Freuds nicht ohne weiteres abzuleiten sind« (S. 9). Merkwürdig berührt dann aber, daß in dem Buch keinerlei Rekurs auf Horkheimers Plädoyer für die Aktualität Schopenhauers genommen wird.
Bevor ich mich jedoch auf das Ärgerliche an dem Buch weiter einlasse, möchte ich zunächst klarstellen, daß ich das bloße Erscheinen für durchaus erfreulich halte. Freud und Schopenhauer: eine mehr als oberflächliche Begegnung beider wäre schon längst fällig gewesen, und Nitzschke kommt das große Verdienst zu, solche Begegnung eingeleitet und dabei »das Risiko eines Irrtums« (S. 10) bewußt und freimütig gewagt zu haben. Die Bedeutung der Verbindungen zwischen Freud und Schopenhauer ist mir beim Lesen des Buches überhaupt erst richtig klar geworden; fast möchte ich sagen, das Buch sei lehrreich gerade dort, wo es hinter den Intentionen des Autors weit zurück bleibt.
Erklärtermaßen ist das Buch »kein Buch über die psychoanalytische Theorie«, sondern eben »eins über Freud und Schopenhauer« (S. 11). Gleichwohl greift es — unerklärtermaßen — in psychoanalytische Theorie ein, mit dem Anspruch nämlich, den Ansatz für eine »materialistische Theorie der Psyche« (S. 10) zu finden und damit zugleich eine »naturwissenschaftliche Psychologie« (S. 11) vorzubereiten. Materialistisch und naturwissenschaftlich: was ist gemeint?
Nitzschke beruft sich auf Freuds naturwissenschaftliches Selbstverständnis, wendet sich freilich zugleich gegen jede »platte Naturwissenschaftlichkeit« (S. 173), wie sie in de