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Die nachfolgende Kritik des Buches »Anti-Ödipus« von Gilles Deleuze und Félix Guattari bedarf wegen der sowohl systematischen wie symptomatischen Bedeutung seines Inhalts und seiner Form einiger Vorbemerkungen zum Kontext. Das Buch gehört zur Literaturgattung der philosophischen Psychoanalyse-Rezeption, die mit Werken von Herbert Marcuse (Eros und Zivilisation, ) und Paul Ricœur (Die Interpretation, ) nachhaltig eingeleitet wurde. Während Ricœeur eine zurückhaltend-hermeneutische Absicht verfolgt, hat Marcuse Freud durch die Brille der Marxschen Frühschriften gelesen. Deleuze bringt den vehementen Impetus des Nietzsche-Fans mit, ist in Frankreich mit seinem Nietzsche-Buch (, deutsch ) Schrittmacher der Nietzsche-Renaissance und des neuen Irrationalismus gewesen. Eins haben die Freud-Philosophen gemeinsam: Sie lassen die Freudschen Kategorien nicht an Ort und Stelle, sondern überführen sie in Konzepte, die der Psychoanalyse fremd sind. Aber die Psychoanalyse ist nicht Philosophie des Glücks (Marcuse), nicht Philosophie der Wünsche (Deleuze/Guattari), nicht Hermeneutik (Ricœur) — sie ist überhaupt keine Philosophie. Sie ist allerdings fähig, den Wunsch, die Psychoanalyse möge Philosophie sein, zu deuten.
Bei der Philosophie des »Anti-Ödipus« handelt es sich um den Wunsch, Motive politischen Unbehagens und mehr noch des Unbehagens an der Kultur schlechthin plausibel zu machen und in Handlungen umzusetzen. Als Mittel dient ein abenteuerlicher Handstreich: Mit Hilfe von ad hoc verfremdeten psychoanalytischen Kategorien soll das Zentrum der Psychoanalyse gestürmt werden: Ödipus. Abschließend regieren die befreiten Partialtriebe, die »Wünsche«. Anlage und Durchführung des Buches zeigen deutlich die literarische Rückübersetzung aktionistischer Programme der Protestbewegung. Daraus ergibt sich auch der psychosoziale Zusammenhang: Um die Melancholie des Scheiterns der Protestbewegung gegenüber den Institutionen aufzufangen, wird die Revolte in den Prozeß der Ichbildung selbst