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Gottfried Benn, 1914 nach dem Sturm auf Antwerpen mit dem Eisernen Kreuz dekoriert, geschätzter Lyriker der Weimarer Zeit, unter den Nazis zum Vizepräsidenten der »Union nationaler Schriftsteller« gewählt, von Himmler geschützt und in der Bundesrepublik mit dem Verdienstkreuz des Verdienstordens geehrt: letztlich paßte er immer dazu, der Ausnahmemensch, der sich angewidert zurückzog, in seinen Gedichten sich selbst zelebrierte und doch gerade in ihnen die Geheimgeschichte der deutschen Psyche unseres Jahrhunderts schrieb. Das ist Sahlbergs These in seinem ebenso erfrischenden wie erkenntnisreichen Buch, mit dem er, ausgehend von ehemals faszinierter Lektüre, den unbewußten Phantasien Benns nachspürt, ihrer Genese, ihrer Entwicklung und den historischen Prozessen, die sich in ihnen spiegeln.
»Der tiefste Grund für Benns Charakter und Verhaltensweise ist in der Schicht des Narzißmus zu suchen. Benn war sein Leben lang mit der Heilung bzw. Kompensation früher Verletzungen des Ichgefühls beschäftigt, woraus seine Isolierung und seine Selbstbezogenheit resultierten, sein Leiden an der Leere und seine Sucht nach Fülle und Rausch. Daher stammt auch seine Passivität« (S. 200). Sein »Urwunsch« war der »Aufbau des Größen-Selbst des frühen Narzißmus«, »und sein Werk läßt sich von diesem aus als Einheit begreifen« (S. 203). Auf die frühe Enttäuschung durch die Mutter antwortete er mit Trauer, Halluzinationen ungeheuren Rausches und mit Haß. Entsprechend hat der Grundrhythmus seiner Gedichte »als Beginn ein großes Ausgreifen, in das dann Enttäuschung eintritt, wodurch es sich in einen Untergangswunsch verwandelt, in eine regressive Sehnsucht ins Ur, in den Tod, um in der Auflösung doch noch das Gewünschte, freilich als Unkenntliches zu finden (Phantasien des Produzierens bzw. Gebärens mit ihrer Folge von Stau und Lösung überlagern diese frühe Figur)« (S. 199). Unter dem Aspekt der Überlagerung interpretiert Sahlberg dann auch das ambivalente Verhältnis zu den Eltern, die inzestuö