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Sigmund Freuds These über die Bedeutung des Sexualtriebes ist von Anfang an auf heftigen Widerstand gestoßen, der nie ganz verebbt ist. Noch heute ist in diesem Zusammenhang von »Schweinerei« oder von Konfliktpsychologie, die die Jugend gegen Elternhaus und Autorität aufhetzt, die Rede. Ein typisches Argument im Streit um die Triebtheorie war immer das des »Veraltet«-Seins. Zu Beginn dieses Jahrhunderts sprach man von »Altweiber-Psychiatrie«; heute heißt es: »Das ist ja 19. Jahrhundert.«
Erhard Künzler versteht seinen Beitrag (1980), in dem er den von der psychoanalytischen Theorie implizierten Zusammenhang von Psyche und Soma in Frage stellt, gewiß als Anreiz zu einer Diskussion. Ich möchte den Ball aufnehmen.
Künzler leuchtet der Sinn des Triebbegriffs nicht ein, vor allem wegen der von Freud nie bestrittenen Unbestimmtheit. Er wirft daher die Frage nach Freuds Motivation auf und stellt einige biographisch-medizingeschichtliche Hypothesen auf: Freud habe den »Materialisten in sich« befriedigen wollen und eine Eingliederung der Psychoanalyse in die Medizin erwirken wollen.
Zum »Materialisten in Freud«: Sigmund Freud war zweifellos zutieft von der naturwissenschaftlichen Auffassung des 19. Jahrhunderts geprägt, die auch den Menschen in den Zusammenhang der natürlichen Welt — auf wissenschaftlicher Ebene also der Biologie — gestellt hat und letztlich alle Phänomene, auch seelische, als übereinstimmend mit den Naturgesetzen gedeutet hat. Entscheidenden Einfluß hatte bekanntlich sein Lehrer, der Physiologe Brücke, der gemeinsam mit Helmholtz und Du Bois-Reymond gefordert hatte, »… die Wahrheit geltend zu machen, daß im Organismus keine anderen Kräfte wirksam sind als die gemeinen physikalisch-chemischen« (Brief von Du Bois-Reymond an Eduard Hallmann vom Mai ; Du Bois-Reymond, 1918, S. 108; vgl. auch Rosenkötter, 1971). Auch wenn wir heute wissen, daß psychische Kräfte organische Vorgänge beeinflussen können, so müssen wir doch für diese ein organisches Substrat postuliere