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Die Familienbeziehungen in den mittleren und oberen Schichten der brasilianischen Gesellschaft sind denen in westeuropäischen Familien durchaus vergleichbar. Hier wie dort ist es bereits eine banale Feststellung, wenn man behauptet, mit der Familie stehe es nicht zum besten. Der Zerfall familialer Beziehungen wird auf eine ganze Reihe von Ursachen zurückgeführt: auf die Lockerung der ehelichen Bindungen, die Schwächung der Autorität des Vaters, die Emanzipation der Frau, den Konservativismus des Mannes, das rebellische Aufbegehren der Jugend, die Unterdrückung in der Kindheit, auf ein Übermaß an elterlichem Beschützenwollen, auf einen Mangel an Liebe usw. Da Freire Costa Psychiater und Psychoanalytiker ist, könnte man durchaus von ihm erwarten, daß er in diese Kerbe schlägt, um zu zeigen, daß die Individuen die Regeln des Zusammenlebens verlernt haben, die den Zusammenhalt der Familie bisher garantierten; denn mit einer solchen Sicht der Dinge läßt es sich gut therapieren und erziehen. Sie liegt, wenn auch meist unreflektiert, den Bemühungen von Pädagogen, Psychotherapeuten, Sozialarbeitern und anderen verwandten Berufsgruppen zugrunde. Diesen Berufen wird eine Zuständigkeit für die Lösung von Problemen zugetraut, die der einzelne in seinem Privatleben nicht mehr ohne Hilfe zu bewältigen vermag. Das Eingreifen der Experten für Liebe, Familie und Erziehung bedeutet jedoch eine Enteignung der Betroffenen. Wie Freire Costa detailliert belegt, ist die Abhängigkeit von erzieherisch-therapeutischen Agenten in der Geschichte der bürgerlichen Familie in Brasilien jedoch keineswegs neu. Schon in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts begannen Sozialmediziner die Familie der bürgerlichen Oberschicht, wie sie sich im 18. Jahrhundert herausgebildet hatte, zu bevormunden. Mit dem Hinweis auf die hohe Kindersterblichkeit und die prekäre Gesundheit der Erwachsenen bestritten sie der Familie die Fähigkeit, das physische, sexuelle, moralische und intellektuelle Wohl ihrer Mitglieder s