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Wer erwartet, daß in dieser Arbeit Theodor Reiks aus dem Jahre 1925, die bei Hoffmann und Campe 1978 neuaufgelegt worden ist, der Autor sich vor allem mit der seelischen Verfassung von Mördern psychoanalytisch beschäftigt hätte, sieht sich durch den Titel getäuscht. ), einer der ersten Schüler von Sigmund Freud und einem breiteren Publikum wohl vornehmlich bekannt geworden mit seiner Schrift über »Geständniszwang und Strafbedürfnis« , stellt in dieser Studie eine andere Frage in den Mittelpunkt.
Zwar erfahren wir auch aus dieser Untersuchung einiges über die seelische Innenwelt von Straftätern, über latente Selbstverratstendenzen beispielsweise, und Reik interpretiert diese Fehlleistungen als Ausdruck eines unbewußt determinierten Sühnezwangs seitens der Täter, als Widerspiegelung eines gesellschaftlich bestimmten und definierten Gerechtigkeitsprinzips in den Köpfen der Rechtsbrecher also. Aber der Hauptakzent dieser Arbeit liegt auf einem anderen Problem: Reik geht es in erster Linie darum, zu einem Spezialfall der abendländischen rechtsgeschichtlichen Entwicklung eine psychoanalytische Deutung vorzulegen, nämlich zum »Wesen und Werden der sachlichen Indizien« (S. 247/48), zu ihrer psychischen Funktion im modernen Strafprozeß und in den modernen Ermittlungsverfahren. Mit dieser Absicht unterzieht Reik zahlreiche Fälle der Kriminalgeschichte einer detaillierten Analyse.
Doch der Verfasser verknüpft diese fesselnden und übrigens häufig auch brillant und humorvoll formulierten Erkenntnisse mit einem noch weiter ausgreifenden analytischen Anspruch: Reik versucht, unter Heranziehung umfangreichen ethnologischen und ethnopsychologischen Materials Verbindungslinien herzustellen zwischen diesen modernen Formen der Beweiserhebung und Täterermittlung auf der einen Seite und ihren archaischen Entsprechungen innerhalb der früheren Kulturen auf der anderen Seite. »Das Ursprungsgebiet der Indizien [= des modernen rationalistischen Beweiserhebungsprozesses; H. P.] ist die Zauberei.