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Wir wissen heute, daß die Grenzen zwischen »normal« und »abweichend«, selbst wenn ihre Festlegung auf Naturhaftes zurückgreift, gesellschaftlicher Art sind, Festlegungen historischen Charakters im Sinne wertmäßiger Orientierungen im Selbstaneignungsprozeß der Menschheit. Der Labeling-Ansatz hat darüber hinaus gezeigt, daß gesellschaftliche Institutionen — und die Wissenschaft, auch die Medizin, ist eine solche — die Macht haben, »Karrieren« »abweichenden« Verhaltens als Orientierungen über »gut« und »schlecht« in Szene zu setzen. Mit ihrer »doppelten Loyalität« (S. 23) ist die Psychiatrie bzw. sind die Psychiater — sowohl ihren Patienten als auch den Institutionen verpflichtet, in deren Brot sie stehen — auf besondere Weise in diese Formen der Diskriminierung verwickelt. Der Politologe Peter Reddaway und der Psychiater Sidney Bloch zeigen in ihrem sorgfältig recherchierten Buch (dessen Glaubhaftigkeit nicht darunter leidet, daß manche Informanten ungenannt bleiben wollen), daß die Psychiatrie in der UdSSR in der Auseinandersetzung mit den Dissidenten eine solche, freilich wesentlich gröbere Rolle spielt, als die Labelingtheoretiker postulieren: Sie wird strategisch, als »planmäßige Regierungspolitik« (S. 26) gegen Oppositionelle eingesetzt und ist nicht etwa nur jener bewußtlose gesellschaftliche Mechanismus des Aussonderns, wie ihn der Labeling-Ansatz, für die Psychiatrie besonders Szasz, kritisiert. Wladimir Bukowski schreibt in seinem Vorwort, auf eine Ontologie der Formen des Leidens anspielend: »Wer hätte, als Pinel die Geisteskranken von ihren Ketten