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Die Sexualwissenschaft war an deutschen Universitäten nach dem 2. Weltkrieg lange Jahre durch eine einzige Abteilung in Hamburg repräsentiert und führte ein Schattendasein in der medizinischen Landschaft. Giese, der langjährige Leiter der Abteilung, stand wissenschaftstheoretisch der daseinsanalytischen Psychiatrie von Strauß, Kunz und v. Gebsattel nahe und vertrat damit für die Sexualmedizin eine biologisch orientierte Anthropologie. Nach seinem Tod übernahm eine jüngere Generation von Sexualforschern die Aufgabe, die Sexualmedizin neu zu verorten. Die Abteilung in Hamburg wurde von Schorsch und Schmidt weitergeführt; Sigusch baute ab 1973 eine neue Abteilung in Frankfurt auf. Neben früheren Zeugnissen aus der Hamburger Abteilung ist das vorliegende Buch, das Arbeiten aus der Abteilung in Frankfurt vorlegt, ein beeindruckendes Dokument für den Umwandlungsprozeß und die Wandlungsfähigkeit einer Wissenschaft. Anders als in der Psychiatrie, in der sich als Antwort auf eine drängende Reformbewegung restaurative Tendenzen wieder unverhüllt durchsetzen, waren für die Sexualmedizin die Voraussetzungen für eine grundlegend neue Konzeptualisierung ungleich günstiger. Es bleibt das Verdienst einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern, die Sexualmedizin zu einer interdisziplinären Forschungsrichtung entwickelt zu haben, in der die theoretischen und empirischen Grundlagen der organischen Medizin, der Psychoanalyse und der Sozialwissenschaften zu einem ganzheitlichen Konzept von Sexualität und Sexualerkrankungen integriert sind. Die Motivation für das intensive praktische wie theoretische Erkenntnisinteresse — das wird aus der Lektüre des Buches deutlich — resultiert einerseits aus der Betroffenheit über die hoffnungslose Zersplitterung sexualmedizinischer Kompetenzen im Bereich der verschiedenen Disziplinen einschließlich der Psychoanalyse; zum anderen aus der Einsicht in den unverändert repressiven Umgang mit der Sexualität auf der Ebene gesellschaftlicher Ideologien und Macht