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»Medizin ohne Menschlichkeit« (1960), wie sie von Mitscherlich und Mielke für den 2. Weltkrieg dokumentiert worden ist, ist leider nicht auf jene Epoche beschränkt. Ein unrühmliches Kapitel zu diesem Thema findet sich auch in den Annalen des 1. Weltkrieges: die Behandlung der sogenannten Kriegsneu- rotiker. In den Materialschlachten des 1. Weltkrieges entstanden psychogene Störungen in so großer Zahl, daß zu Recht von einer Epidemie gesprochen werden kann. Sie traten in der Regel mit Konversionssymptomen in Erscheinung; der Volksmund prägte die Bezeichnung »Kriegszitterer«. Den Militärärzten, insbesondere den Psychiatern und Neurologen war es aufgegeben, diese Kranken zu behandeln, sie möglichst gesund und — wie das Militär von ihnen erwartete — wieder dienstfähig zu machen. Sie taten dies mit unterschiedlichem Erfolg. Psychotherapeutische Verfahren, die sich auf kathartische, suggestive und bewußtmachende Methoden stützten, bestanden erste Bewährungsproben in der Öffentlichkeit und waren für das weitere Schicksal der Psychotherapie nicht bedeutungslos (Cocks, 1975). Insbesondere erwies sich eine modifizierte psychoanalytische Behandlung als erfolgreich (Simmel, 1918). Der 5. Internationale Psychoanalytische Kongreß in Budapest 1918 befaßte sich mit den therapeutischen Erfolgen bei der Behandlung von Kriegsneurotikern und stieß auf militärisches Interesse bei den Mittelmächten. Die Ergebnisse des Kongresses wurden als Sammelband veröffentlicht, zu dem Sigmund Freud eine Einleitung schrieb (1919 a). Man kann gewiß kritisieren, daß die Psychoanalyse den Militärapparaten zur Verfügung gestellt wurde, dagegen läßt sich aber einwenden, daß zum einen die Kriegsneurotiker seelisch krank waren und optimaler ärztlicher Hilfe bedurften (welche Alternativen ihnen drohten, wird später noch gezeigt werden); daß zum anderen die österreichischen, deutschen und ungarischen Psychoanalytiker damals keinen Grund hatten, die Niederlage ihrer Länder und den Sieg der Entente herbeizuwüns