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Man muß es gleich zu Anfang sagen: Dieses Buch ist in mehr als einer Hinsicht ungewöhnlich. Zunächst bringt es uns die erste, umfassende Studie des Märchens, die durchaus auf der Theorie und Methode der Freudschen Psychoanalyse beruht. Daraus ergeben sich vielfältige Ansätze für den Sinn des Märchens und seine Deutung. Man könnte etwa Bettelheims Buch auch als eine gelungene Einführung in die Hauptbegriffe der Psychoanalyse empfehlen, obgleich es offenkundig nicht für diesen Zweck geschrieben worden ist. Man würde damit dem nicht mit der Psychoanalyse vertrauten, aber aufnahmewilligen Leser ein ebenso gegenständliches wie gedankenreiches und dazu noch ungewöhnlich lesbares Lehrbuch der psychoanalytischen Theorie, vor allem der Persönlichkeitsentwicklung, zugänglich machen.
Bis zum Zeitalter der Massenmedien waren Märchen wohl die ersten festgelegten Geschichten im Leben der Kinder, die ersten Erfahrungen mit Kultur- und Lebensformen, die sie dann später als »Literatur« oder »Unterhaltung«, »récit« oder »fiction« kannten. Sie vermittelten dem Kind neben der Unterhaltung auch die ersten Vorstellungen über die Welt der Menschen innerhalb und außerhalb der eigenen Familie und halfen mit, die Wünsche, Neigungen und Beschwerden im eigenen Selbst zu erfassen und zu gestalten. Damit stellte das Märchen dem Kind freilich auch die knifflige Aufgabe, zwischen äußeren Ereignissen und eigenen Phantasien, zwischen der Wahrheit von Geschichten und der Wirklichkeit des Erlebens zu unterscheiden, und trug damit zu der primären Entwicklung seines Denkens bei. Im Prozeß der von Bettelheim unternommenen Exegese gewinnen die Märchen einen Sinn, der den nicht psychoanalytisch