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Nach fünfzigjähriger Beschäftigung mit Hölderlin dokumentiert hier der in Paris lehrende Germanist Pierre Bertaux eine »Krankengeschichte« des Dichters, die eine Revision des »Falles Hölderlin« einzuleiten sucht. Bertaux möchte beweisen: Hölderlin war nicht geisteskrank. Die Erforschung seines Charakters, seiner Lebensumstände und seiner menschlichen Beziehungen macht — so die zentrale These Bertaux' — das, was man bisher für Ausdruck oder Folge des Wahnsinns hielt, psycho-logisch verständlich.
Dazu kurz die wichtigsten Daten: Der im Jahre 1770 geborene Hölderlin wurde 73 Jahre alt. Anfang 30 wurde er zunehmend reizbarer, neigte zu Tobsuchtsanfällen sowie zu tiefen depressiven Verstimmungen. Im September 1806 wurde er in die Autenriethsche Klinik in Tübingen eingeliefert, wo er bis zum Mai des folgendes Jahres verblieb. Er wurde mit Belladonna, Digitalis, Opium und Canthariden behandelt und bekam wahrscheinlich auch die sogenannte Autenriethsche-Maske — eine Art Kopf-Zwangsjacke — angelegt. Dem Pathographen Wilhelm Lange zufolge litt Hölderlin an einem »katatonen Stupor«. Im Anschluß an den Klinikaufenthalt siedelte Hölderlin in den sogenannten Hölderlin-Turm über, wo er bis 1843 unter Aufsicht des Schreiners Zimmer lebte. Aus den letzten 36 Jahren seines Lebens sind nur wenige und relativ kurze Gedichte auf uns gekommen. Sie wirken unbeholfen, kindlich, und der Uneingeweihte wäre nicht in der Lage, sie einem der größten Dichter Deutschlands zuzuordnen. Während der 36 Jahre, die Hölderlin im Turm lebte, hatte er nur wenige menschliche Kontakte. Auf Außenstehende wirkte er oft närrisch und manieriert und in einer übertriebenen und zugleich herausfordernden Weise servil. Er legte sich ungewöhnliche Namen wie »Scardanelli« oder »Scaliger Rosa« zu. Es wird jedoch nicht berichtet, daß er systematisierte Wahnideen hatte. Es ist auch nicht sicher überliefert, daß er halluzinierte.
Die Grundfrage, die Bertaux sich selbst und uns stellt, ist: Sind die genannten, anscheinend ab