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Schon seit Freuds Zeiten ist der Diskurs der psychoanalytischen Interpreten- und Therapeutengemeinschaft durch Denkformen überlagert worden, die eher einer Glaubensgemeinschaft entsprächen (Kanonisierung der rechten Lehre, Ausgrenzung heterodoxer und scheinbar heterodoxer Auffassungen mit nachfolgender Abspaltung und Sektenbildung). Cremerius demonstriert das an der offiziellen Theorie der psychoanalytischen »Technik«, die sich auf Freuds Arbeiten aus den Jahren 1912-1915 stützt — eine szientistische Stilisierung seiner eigenen, »dissidenten« Behandlungspraxis. Die Dogmatisierung der »Spiegel«-Technik hat bisher die Relativierung jener Regeln zugunsten einer patientenzentrierten, situationsspezifisch flexiblen Technik, die einer Zweipersonenpsychologie angemessen ist, verhindert.
Faktisch hat sich freilich in den vergangenen 40 Jahren in der psychoanalytischen Internationale ein Pluralismus von Auffassungen durchgesetzt, dem nur mehr lokale Dogmatiken korrespondieren. Durch »Liberalisierung« der psychoanalytischen »essentials« ist ein hohes Maß von Toleranz erreicht worden. Ein Konsens in Fragen der psychosexuellen Entwicklung besteht gegenwärtig ebensowenig wie in Fragen der Metapsychologie oder der Technik.
»Illusionen empfehlen sich dadurch, daß sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedigungen genießen lassen« (S. Freud, 1915 b, S. 331).