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Liebe Margarete,
geehrte Anwesende,
Leben und Werk von Alexander Mitscherlich sind eng mit dem Schicksal der Deutschen verbunden. Schon der junge Student mußte seine geisteswissenschaftliche Promotion aufgeben, weil ein »arischer« Kollege seines verstorbenen Doktorvaters 1932 nicht bereit war, die Aufgabe eines jüdischen Gelehrten zu übernehmen. Als Buchhändler kam Mitscherlich in Kontakt mit entschiedenen Gegnern des Dritten Reiches, unter ihnen nicht zuletzt mit dem preußischen Linkssozialisten Ernst Niekisch, und wurde 1937 wegen »Verdacht des Hoch- und Landesverrats« für acht Monate festgenommen. 1935 hatte er ein Medizinstudium in Zürich begonnen und in Heidelberg fortgesetzt. Aus der Haft entlassen, nach einer Stelle als Medizinalpraktikant Ausschau haltend, nahm ihn der bedeutende Neurologe Viktor von Weizsäcker in Heidelberg bei sich auf, wozu damals leider Mut notwendig war. Ihm und dem Biologen Jakob von Uexküll verdankt er wesentliche Anregungen, die zum Ausbau der psychosomatischen Betrachtungsweise von Krankheitssymptomen und zur Einbettung der Medizin in eine Untersuchung der sozialen und kulturellen Umwelt geführt haben.
Der größte und dauerhafteste Einfluß auf Mitscherlichs Denken ging aber zweifellos von Sigmund Freud aus, dessen analytische Theorie er einmal »das kostbarste Instrument der Menschenkenntnis, das wir besitzen«, genannt hat.
Am Ende seiner Einführung zu der von ihm herausgegebenen Studienausgabe Freuds macht Mitscherlich auf die Gefahr des Neides gegenüber dem Genie Freud aufmerksam, wovon offenbar eine ganze Reihe der unmittelbaren Freud-Schüler betroffen waren. Er selbst war von solchem Neid völlig frei und war imstande, vorbehaltlos die Größe Freuds anzuerkennen, ja, er hat zu deren Verständnis als Resultat der Erfahrung gerade auch des jüdischen Schicksals Wesentliches beigetragen:
»Es ist vielleicht nicht abwegig zu schließen, daß die Psychoanalyse, die zu entwickeln ein ungewöhnliches Maß von Selbstkritik erforderte, in der Tat eine t