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Liebe Frau Mitscherlich,
verehrte Anwesende,
Alexander Mitscherlich gehörte zu der marginalen Gruppe von oppositionellen Intellektuellen in der Bundesrepublik. Unter den Psychoanalytikern war er einer der wenigen Citoyens.
Freud hat vor 60 Jahren seine Stellung zur Politik mit der Formel umschrieben, er sei weder rot, noch braun, sondern »fleischfarben«, von der Farbe des gewöhnlichen Menschen. Mitscherlich hat seit seiner Studentenzeit in den dreißiger Jahren die Erfahrung machen müssen, daß auch und gerade diese Position eines anthropologischen Humanismus in Feuerbachscher Tradition nicht außerhalb des Bereichs politischer Kämpfe liegt, wie es ja auch das Schicksal der Psychoanalyse unter der Hitler-Diktatur lehrt.
Mitscherlich, der Arzt und Historiker, hat nach dem Kriege das Grauen des NS-Staats, die Verbrechen der KZ-Ärzte dokumentarisch festgehalten. Die zweite deutsche Republik schien ihm psychologisch auf Sand gebaut. Er fürchtete die Wiederkehr des 1945 von der Mehrheit der Anhänger und Mitläufer jäh Verdrängten, fürchtete das Zerbrechen der dünnen politisch-moralischen Reaktionsbildungen im Krisenfall. Darum suchte er nach Alternativlösungen jenseits des engen geschichtlichen Horizonts der Bundesrepublik, nach Alternativen, wie er sie in der englischen Demokratie und in den immer wieder niedergeschlagenen Ansätzen zu einer Rätedemokratie sah.
Die Wiedereinbürgerung der von den Nazis verfemten psychoanalytischen Aufklärung in Deutschland war das Projekt seines Lebens.
Die Psychoanalyse ist einer der beiden im 19. Jahrhundert entwickelten Versuche, die Philosophie, derzufolge den »Tatsachen« Tathandlungen zugrundeliegen und derzufolge es darum mehr Fetische als Fakten gibt, durch die Übersetzung in Soziologie und Psychologie ihrer Verwirklichung näher zu bringen. Mitscherlichs Beschäftigung mit der Genese und Therapie psychosomatischer Leiden war strategisch darauf gerichtet, den Bereich, in dem Menschen bloße Opfer eines Krankheitsschicksals sind, einzugrenzen, d