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Das Anliegen jedes Prozesses ist es, das Recht wiederherzustellen und Sühne zu verschaffen. Mit der Rechts- bzw. Wahrheitsfindung aufs engste verknüpft ist im Falle eines »historischen Prozesses« eine Tatsachensammlung als Grundlage der Geschichtsschreibung.
Was in Nürnberg gerichtet werden soll, übersteigt menschliches Fassungsvermögen, auch wenn es gelänge, jede Heimtücke, jede Grausamkeit in Zeit und Ort und der Zahl nach genau zu fixieren. Gekoppelt an die Möglichkeiten der Technik ist der Prozeß der Unmenschlichkeit heute nahezu vollmechanisiert. Seine Ergebnisse nähern sich, zahlenmäßig registriert, dem astronomischen Größenbereich. Aber auch viele andere Berichte, Produktionsziffern, die Schulden der Staaten etc. liegen weit über der Reichweite der Anschaulichkeit. Wenn die Unmenschlichkeit in die technischen Kategorien zu rechnen ist, dann ist damit schon gesagt, daß die Menschlichkeit sich des Unmaßes der Zahl zu erwehren hat.
Das Panorama der Verfehlungen, das im Nürnberger Prozeß entsteht, ist verwirrend und überwältigend. Menschliche Tragödien mit fünfund sechsstelligen Zahlen multipliziert erwecken ein vages Allgemeingefühl des Ekels. Das Prozeßmaterial gibt keinen rechten Angriffspunkt für die Vorstellungskraft. Der Dreißigjährige Krieg lebt in der Phantasie der Menschheit nicht wegen der Fülle von Untat und Brandstiftung weiter, sondern weil ihn Grimmelshausen beschrieben hat. Aus Prozeßakten wird noch keine Geschichte im Bewußtsein der Menschen.
Und doch haben sie ein mit unsüglicher Last erkauftes Anrecht darauf, ihre Geschichte als Ganzes, als klar erkennbares Bild sich als Besitz zu erwerben, auf daß sie sich nicht wieder und nicht weiter in der Unmenschlichkeit verlieren. Es muß also der Versuch gemacht werden, nachträglich sich die Geschichte dort zurückzurufen, wo sie von der Anschaulichkeit in die Zahlenabstraktion, von der menschlichen Bewegung in die unmenschliche Mechanik umschlägt. Die Grenzlinie kann nirgendwo anders verlaufen als in den Tät