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Man muß sich schon die Mühe machen, die gesammelten Werke Anna Freuds* Band für Band durchzuarbeiten, um ermessen zu können, welcher Reichtum an Erfahrung, welche Fülle an Forschungsergebnissen und Theorien, an Präzisierung der psychoanalytischen Methode und an Vielfalt der Anwendungen darin festgehalten sind. Schon die vier Vorträge über Kinderanalyse sowie die über Psychoanalyse für Lehrer und Eltern und die frühen Schriften des ersten Bandes beweisen die Eigenständigkeit des Denkens Anna Freuds, einer Autorin, die oft nur als Sachwalterin oder Vollstreckerin ihres Vaters angesehen wurde. In den Frühschriften spürt man die Abgrenzung gegenüber Melanie Klein. Nie nimmt diese Kontroverse aber Ausmaße an, die die Arbeit an der Sache beeinträchtigen. Von Anfang an bestechen die klaren und anschaulichen Fallpräsentationen, die seitdem Vorbild jeder guten psychoanalytischen Abhandlung geworden sind. Viele Sätze sind es wert, zitiert zu werden; zum Beispiel eine Anmerkung im Hinblick auf die Kinderanalyse: »Bei dem Kind aber sind uns die auf den Analytiker gerichteten negativen Regungen — so aufschlußreich sie in mancher Beziehung sein können — vor allem unbequem. Wir werden sie so bald wie möglich abbauen und abschwächen. Die eigentlich fruchtbringende Arbeit wird immer in der positiven Bindung vor sich gehen« (I, S. 48).
Die Problematik der Elternarbeit wird in vielen Aufsätzen der Frühzeit bis in die späten Jahre von den verschiedensten Seiten beleuchtet. In diesem Zusammenhang ist es zu bedauern, daß die meisten Ausbildungsinstitute keine kontrollierte Behandlung eines Kindes oder Jugendlichen verlangen.
Formal erinnert der Stil Anna Freuds sehr an den Sigmund Freuds. Die vier Vorträge für Lehrer und Eltern lesen sich wie Fortsetzungen der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, bezogen auf die Arbeit mit Kindern. Inhaltlich bildet die von Anna Freud begründete Psychoanalyse des Kindes- und Jugendalters gegenüber der traditionellen akademischen Psychologie ein