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Es überrascht auf den ersten Blick, daß ausgerechnet die Schizophrenie — für die viele nach wie vor eine reine Psycho- und Soziogenese postulieren — als Modell einer chronischen Krankheit herausgestellt wird. Viele Autoren, heißt es in Paul Lüths Vorwort, schrieben über Schizophrenie, ohne je einen wirklichen Schizophrenie-Kranken gesehen, geschweige denn behandelt zu haben.
Tatsächlich ist ja die Vokabel »schizophren« weitgehend in den Journallismus und den allgemeinen Sprachgebrauch eingewandert: jede zweideutige politische Situation ist »schizophren«, und auffallend viele Filme, Bücher, Erlebnisberichte scheinen von Schizophrenie zu handeln, obwohl das, was man davon zu sehen bekommt, klinisch bestenfalls einer Borderline-Hysterie entspricht.
Wenn daher Lüth sich zur Übersetzung und Herausgabe dieses Buches in der von ihm betreuten Reihe »interdisciplina« entschloß, so kommt dem eine entschieden gesundheitspolitische Bedeutung zu. Der Autor, Werner M. Mendel, aus Deutschland stammend und in den USA als pragmatisch orientierter Psychiater wirkend, sieht in seinem Buch ausdrücklich von den akuten Schizophrenien ab, die ja in der Tat oft zu einer psychodynamischen Interpretation einladen oder auch verleiten, und konzentriert sein Interesse ganz auf diejenigen Patienten, »die zwar chronisch krank sind, aber gut auf unterstützende Therapie reagieren« (S. 22). Mendel sieht diese zahlenmäßig beträchtliche Gruppe durch drei »Primärdefekte« charakterisiert: die Unfähigkeit, neue Erfahrungen in ihre Lebensgeschichte einzubeziehen und aus ihnen zu lernen (»Hypomnesie«); die aufwendige und unwirksame Bewältigung von Angst; drittens ihre quälend erfolglosen zwischenmenschlichen Beziehungen. Obwohl ich diese Trias für unspezifisch halte und der Ansicht bin, daß man mit ihr ebensogut eine Gruppe von psychosenahen Borderline-Störungen charakterisieren könnte, lassen die mitgeteilten Fallgeschichten doch keinen Zweifel daran, daß der Autor tatsächlich das Krankheitsbild im Auge