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Alexander Mitscherlich gehörte wie der etwas ältere Eugen Kogon und der jüngere Heinrich Böll zur Generation derjenigen, die nach der totalen Niederlage der Naziwehrmacht und dem Zusammenbruch des Dritten Reiches auf einen prinzipiellen Neubeginn hofften und die — angesichts der restaurativen Tendenzen, die sich während des so erfolgreichen Wiederaufbaus geltend machten — tief enttäuscht wurden. Sein persönliches Schicksal und sein früh entwickeltes Interesse machten es ihm unmöglich, sich wie die meisten seiner Altersgenossen nach 1945 auf das enge Feld der privaten Wohlstandsmehrung einzuschränken. Wie viele Antifaschisten empfand auch er die Niederlage der Naziwehrmacht zugleich als notwendige Voraussetzung der Befreiung. Ich kann mir vorstellen, wie allein er damit damals — gerade auch unter Ärzten — stand. Aber Mitscherlich hatte nicht auf die Niederlage gewartet, um sich politisch zu äußern. Aus den Jahren des Dritten Reiches sind zumindest zwei Arbeiten des jungen Arztes bekannt, die pseudonym und anonym 1938 in der Zeitschrift Maß und Wert in der Schweiz erschienen. Ich möchte auf sie hinweisen, um deutlich zu machen, wie sehr der von den Nazis verfolgte und eingesperrte junge Arzt an dem Schicksal seines Landes Anteil nahm, wie früh er sich nicht zum Ankläger, sondern auch zum Fürsprecher eines anderen, demokratischen Deutschlands machte. In einem Artikel »Deutsche Zweifel an Europa« klagt Mitscherlich die Haltung der westeuropäischen Demokratien gegenüber den faschistischen Staaten und dem Spanischen Bürgerkrieg an:
»Daß man sinnvollerweise, wo Bomben platzen, nicht das Chaos anklagen, sondern nach den Verbrechen forschen sollte, schienen diese Leute vergessen zu haben … Man sah also aus diesem oder jenem Grunde das Chaos dort gar nicht ungern — und vom Geschäft, das nun entstand, an das man sich anhängen wollte, zu schweigen, bewies man noch, daß man nicht nur den Ton der Diffamierung gut beherrschte, sondern auch in eigensten Angelegenheiten keine Skrupel