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Meine verehrten Damen, meine Herren,
Sie sehen es mir nach, daß ich bei dieser akademischen Gedächtnisveranstaltung nicht über den Wissenschaftler Mitscherlich und sein wissenschaftliches Werk spreche. Ich möchte vielmehr einige Anmerkungen dazu machen, wie seine Arbeit mir erschien — einem Verleger, der nicht Psychoanalyse oder Soziologie, sondern Literatur studiert hatte, mir, der fast fünfzehn Jahre lang sein Verleger sein durfte — und wie er mir als Freund erschien.
Gesehen habe ich Alexander Mitscherlich zum ersten Mal 1962 in Heidelberg; er war noch Direktor der Psychosomatischen Klinik. In den Jahren danach sah ich ihn öfter in seinem Arztkittel im Sigmund-Freud-Institut. Wir traten gemeinsam öffentlich auf, stritten für die demokratische Sache, kämpften gegen die Notstandsgesetzgebung. Häufiger trafen wir uns dann in der Wohnung im 19. Stock des Schwesternheims des Krankenhauses Höchst mit dem so unwirtlichen Aufgang und der so wirtlichen Atmosphäre im Innern. Sein Buch »Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft« hatte mich in einem Augenblick getroffen, da auch ich im doppelten Sinn vaterlos geworden war — durch den Verlust meines Vaters und durch den erlebten Zerfall paternalistischer Großstrukturen, bei denen nun »kein identifizierbarer einzelner« die Macht mehr in Händen hielt. Am meisten hat mich seine Einsicht beeindruckt, die er bei der Eröffnung des Sigmund-Freud-Instituts formulierte: »Die Suche nach der Wahrheit über uns selbst, also die geduldige Selbsterforschung, ist das einzig verläßliche Mittel, um uns Glaubwürdigkeit zu verschaffen und uns zugleich gegen die Inhumanitäten zu verteidigen, die uns unter der Decke der Zivilisation drohen.« Die eigentliche Begegnung mit Alexander Mitscherlich, dem Psychoanalytiker, Arzt, Autor, Publizisten, dem liebenswürdigen, humorvollen Menschen, fand an genau zu erinnernden Tagen des Jahres 1968 statt. Wenn wir früher zusammen gewesen waren, hatte ich ihn immer wieder gefragt, was die Psychoanalyse für den Zustan