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Mario Erdheim hat in seinem Buch »Die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit«1 die seelischen Veränderungen untersucht, die Menschen durch die Ausübung von Macht erleiden. Macht innezuhaben bedeutet für viele die Erfüllung unbewußter narzißtischer Phantasien. Wer Macht ausübt, verändert sich häufig wie bei einer narzißtischen Persönlichkeitsstörung: Die eigene Person wird überschätzt bei einer gleichzeitigen Verflachung menschlicher Beziehungen. Wer anderen befehlen kann, ist nicht genötigt, sich in andere einzufühlen. Andere Menschen werden manipulativ eingesetzt und fallengelassen. Wenn soziale Sanktionen fehlen, wird das Über-Ich unzuverlässig. Die grandiose Selbstüberschätzung verführt zur Realitätsverkennung. Diese Veränderungen werden nicht nur an Königen und Staatsmännern beobachtet, sondern auch an Menschen, die in Institutionen Macht ausüben, also z. B. an Leitern wissenschaftlicher Institute und Chefürzten.
In diesem Kontext möchte ich etwas über meine Erfahrungen mit Alexander Mitscherlich berichten. Als ich mich mit 37 Jahren entschloß, noch einmal meine Praxis aufzugeben und Assistent bei Mitscherlich zu werden, fehlte es nicht an Warnungen: Ein schwieriger Mensch! Sehr anspruchsvoll! Ich wagte es trotzdem, weil ich seine Denkweise schätzte.
Als ich anfing, bekam ich den Auftrag, sämtliche erreichbaren Arbeiten zur Psychoanalyse des psychosomatischen Geschehens zusammenzutragen. Alle Mitarbeiter der Heidelberger Klinik und des Sigmund-Freud-Instituts sollten davon Kurzreferate anfertigen, die dann für ein Buch verwendet werden sollten. Ich machte mich an die Arbeit und verteilte zu referierende Arbeiten. Ich stieß aber auf wenig Gegenliebe. Die Reaktionen reichten von ambivalentem Hinhalten bis zu unverhüllten Wutausbrüchen über die Zumutung, auch diese Sklavenarbeit noch leisten zu sollen. Offenbar gab es keinen Konsens über diese Aufgabe. Ich merkte, so ging es nicht, und das sagte ich auch Alexander Mitscherlich. Er reagierte deprimiert und ratl